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Eröffnung des Kongresses durch Werner Seppmann

geschrieben von Werner Seppmann


Einen besonderen Anlass hätten wir nicht gebraucht, um uns wieder mit Brecht zu beschäftigen -; oder vielleicht doch? Denn wer nicht durch seine Profession eng mit Brecht verbunden war, sich als Schauspieler oder Wissenschaftler mit seinen Werk beschäftigte, hatte ihn in den letzten Jahren fast aus den Augen verloren.

Dass dennoch an einigen Stellen der kulturbürokratischen Apparate das Bedürfnis existierte, Brecht aus Anlass seines 50.Todestages zu demontieren, kann als Indiz dafür gelten, dass seine Ausstrahlungskraft dort als immer noch beträchtlich eingeschätzt wird, obwohl seine Bühnenpräsenz bescheiden ist. Er wird zwar nicht ganz ignoriert, spielt aber bei weitem nicht die Rolle, die schon allein aufgrund seiner literarischen Bedeutung angemessen wäre.

Keineswegs nur die Kulturapparate sind -; aus nachvollziehbaren Gründen -; mit Brecht nachlässig umgegangen. Auch innerhalb der Linken ist Brecht nach dem Epochenbruch nicht mehr die wünschenswerte Aufmerksamkeit zuteil geworden. Dabei hätte von ihm gelernt werden können, wie man auch in dürftigen Zeiten sich nicht unterkriegen lässt, dass auch der Kampf gegen Windmühlen nicht immer mit einer Niederlage enden muss.

über die übermacht der herrschenden Verhältnisse hat Brecht sich niemals Illusionen gemacht. Aber sie wurden von ihm immer in Beziehung zu einer Perspektive eingreifenden und verändernden Handelns gesetzt, wodurch es ihm gelang, die Ideologie einer irreversiblen Festgefügtheit herrschender Zustände in Frage zu stellen.

Durch diesen methodisch reflektierten und abgesicherten Ansatz erklärt sich übrigens auch eine Resistenz des Brecht-Theaters gegenüber allzu leichthändigen Vereinahmungen. Jedenfalls hat man es bisher nur selten versucht.Was insofern bemerkenswert ist, als die Zucht- und Zeremonienmeister des „Regietheaters gewöhnlich keine Schwierigkeit haben, die Weltliteratur vermittelst des Spektakels und ihrer kurzatmigen „Provokationen“ auf die Maßeinheiten dekadenter Spießigkeit zu reduzieren.

Auch das sollte für uns ein Grund sein, Brecht in seiner ganzen Bedeutung wieder zu entdecken. Gerade in unserer Zeit -; in der grundlegende Veränderungen um des zivilisatorischen überlebens der Menschen nötiger denn je sind -; könnten wir von Brecht lernen, dass der Eindruck der Alternativlosigkeit Ideologie ist, die den Herrschenden in die Arme arbeitet.

Die Linke befindet sich in einer Krise, weil sie nach dem Epochenbruch auf vielen zentralen Feldern der sozialen und kulturellen Auseinandersetzungen ihre Sprache noch nicht wiedergefunden hat. Ihre Kritik am Kapitalismus, der immer mehr Zukunftschancen verschlingt, um sich reproduzieren zu können, wird tagtäglich bestätigt. Umso größer und schmerzhafter wird das Fehlen von alltagspraktisch plausiblen Alternativen der Gesellschaftsveränderung empfunden.

Und diese Alternativen lassen sich nicht nur rational vermitteln. Sie müssen so formuliert werden, dass sie die Phantasie und die Emotionen der Menschen ansprechen.

Wenn es uns gelingt, diese Lücke zwischen der Notwendigkeit der Veränderung und der Gewissheit ihrer Möglichkeit mit Hilfe von Brecht nur ein wenig zu verringern, hat unser Kongress seinen Zweck erfüllt.

P. S.Wenn es dabei in überlegungen zu einer kommunistischen Perspektive, ob Bezugnehmend auf die Ansichten von Brecht oder auf die gegenwärtige Weltentwicklung, auch unter Marxisten differenzierte Sichten gibt -; wie die Beiträge auf der Konferenz zeigen -; reflektieren sie die schwierige Weltlage und sind damit ein Anstoß zur Fortführung der Debatte.

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