Editorial Strategien des deutschen Kapitals
Zur Erinnerung an Reinhard Optitz
Am 3. April 1986 verstarb der marxistische Sozialwissenschaftler und Faschismusforscher Reinhard Opitz. Die Marx-Engels-Stiftung und die VVN – Bund der Antifaschisten NRW haben Opitz‘ 25. Todestag zum Anlass genommen, in einer gemeinsamen Konferenz im November 2011 an sein Werk zu erinnern. Wir dokumentieren hier sieben der dort gehaltenen Referate.
Das Spektrum der von Opitz behandelten Themen umfasst die Themen der Linken: Demokratie, Frieden, Imperialismus, Faschismus. Sein Ansatz, den er selbstbewusst als „Demokratische Politikwissenschaft“ bezeichnete, beruht darauf, den Inhalt der jeweiligen spezifischen Klasseninteressen erkennbar zu machen, die sich in politischen Erscheinungen ausdrücken. Anstatt sich mit der Unbestimmtheit einer „relativen Unabhängigkeit der Politik von der ökonomischen Basis“ abzufinden, forderte Opitz, dieses Verhältnis exakt in seiner je konkreten Bestimmtheit zu verstehen.
Die beiden Beiträge von Daniel Bratanovic und Jürgen Lloyd beschäftigen sich mit dem zentralen Baustein von Opitz‘ Analyse politischer Kapitalstrategien zur Formierung der Gesellschaft im Innern: dem monopolkapitalistischen Integrationsproblem auf der einen sowie dem umkämpften Begriff der Demokratie auf der anderen Seite. Ebenfalls auf Opitz‘ Analyse aufbauend behandeln Georg Fülberth und Ludwig Elm die politischen Konzepte des (Sozial-)Liberalismus und Konservatismus in Deutschland. Die Anwendung der von Opitz entwickelten Begriffswerkzeuge zum Verständnis faschistischer Bewegungen demonstrieren Phillip Becher für die differenzierte Betrachtung von NPD und „Pro“- Bewegung sowie Kurt Heiler für die Legende vom angeblichen „Linken Flügel des Faschismus“. Während diese Legende von Faschisten als demagogische Selbstdarstellung verwendet wurde und wird, taucht – lediglich mit verkehrtem Vorzeichen – der identische Inhalt auch als Totalitarismustheorie auf. Den diesem Thema gewidmeten Beitrag von Seta Radin können wir erst im nächsten Heft veröffentlichen. Der Darstellung der historischen Kontinuität außenpolitischer Expansionsstrategien des Kapitals und der Analyse der diese Kontinuität stiftenden Kräfte ist Opitz‘ umfangreiche Dokumentensammlung über die „Europastrategien des deutschen Kapitals 1900-1945“ gewidmet. Mit deren Fortschreibung bis in die Merkel’sche Gegenwart beschäftigt sich Jörg Kronauers Referat.
Die wiedergegebenen Referate haben nicht den Anspruch, die Arbeitsgebiete von Reinhard Opitz vollständig abzudecken. So fehlt z.B. das wichtige Thema Frieden und dabei Opitz‘ Argumentation, dass die Rechtsentwicklung der Bundesrepublik bereits im (Wieder-)Auf - bau der bundesdeutschen Rüstungsindustrie und der Aufstellung der Bundeswehr gegeben war und keineswegs erst durch dessen ideologische Begleitung mit Militarismus und Revanchismus.
Auch 25 Jahre nach Opitz‘ Tod bleibt die Beschäftigung mit seinem Werk und die Aneig - nung seiner „Demokratischen Politikwissenschaft“ ein wissenschaftlicher und politischer Schatz, der zu großen Teilen für die heutige marxistische Linke neu oder auch erneut zu heben ist. Für den in Kurt Heilers Referat dargestellten Anspruch von Opitz, seine theoretische Arbeit zum Werkzeug konkreter Politikentwicklung zu machen, gibt es angesichts staatlich geförderter neofaschistischer Terrorgruppen aktuellen Anlass.