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Editorial

Die Frage „Unipolare oder multipolare Welt?“ war zuletzt Schwerpunktthema in den Marxistischen Blättern im Heft 4-2007. Auf dem Titelbild 2007 verdeckte ein großes Schild mit dem Symbol „G8“ die Weltkugel im Hintergrund. Im Jahr 2014 wurde Russland aus den G8 herauskatapultiert. Die G7 streben nach Erneuerung ihrer früheren, alleinigen Dominanz. Selbst den G20-Gipfel in Brisbane stellten die Medien der Bundesrepublik Deutschland so dar, als habe es sich um ein Tribunal über Putin gehandelt, der für die hiesigen Massenmedien zur Zeit die „Achse des Bösen“ verkörpert. Kooperative Beziehungen zu Russland wurden seitens der G7 gekappt, Wirtschaftssanktionen ein ums andere mal verhängt. Der Bau der South-Stream-Pipeline ist erst einmal eingestellt.
Die NATO-Tagung Anfang Dezember beschloss die schnelle Eingreiftruppe für Osteuropa, genannt die „Speerspitze“. Stimmen für die Eskalation der Sanktionen wurden wieder laut. Nicht einmal am fernen Horizont zeichnet sich ein Ausstieg aus der Spirale ab. Vielmehr wächst die Befürchtung, dass der durch den Putsch in Kiew ausgelöste ukrainische Bürgerkrieg an irgendeinem Punkt in einen „Großkrieg“ zwischen Staaten umschlagen könnte. Sogar Bundesaußenminister Steinmeier beklagt, die Sicherheitsarchitektur in Europa sei „aus den Fugen geraten“. Es gibt also Gründe, erneut die Kräfteverschiebungen in der Welt unter die Lupe zu nehmen, die die tiefere Ursache für einen „Umbruch in der Weltordnung“ – so das Thema dieses Heftes – sind.
Mit dem langsamen, aber stetigen Abstieg der kapitalistischen Führungsmacht beschäftigt sich Beate Landefeld. Während die US-Hegemonie ihren schleichenden Niedergang fortsetze, sei ein neuer Hegemon noch längst nicht in Sicht. Daher sei mit einer langen Dauer des Übergangs von der unipolaren zu einer multipolaren Weltordnung zu rechnen, verbunden mit der ständigen Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen. Marc Botenga zufolge, steht China im Zentrum der US-Eindämmungspolitik. Er zeigt die militärische Einkreisung Chinas und wie China darauf reagiert. Kai Ehlers untersucht, welches Selbstbild Obamas Außenpolitik zugrunde liegt und welche strategischen Überlegungen des früheren Präsidentenberaters Brzezinski in die US-Politik eingegangen sind. Jürgen Wagner erläutert das Wesen der „Europäischen Nachbarschaftspolitik“ (ENP) und bilanziert ihre Ergebnisse. In der Ukraine würden die Ergebnisse der ENP in den Augen ihrer Erfinder vorerst als Erfolg verbucht. Klaus Wagener beschäftigt sich mit der Rolle der Bundesrepublik Deutschland im Ukraine-Konflikt. Er sieht den deutschen Imperialismus eher als Verlierer in diesem Konflikt. Willi Gerns untersucht Machtstrukturen und Politik im heutigen Russland. Im Unterschied zu den USA strebe das heutige kapitalistische Russland nicht nach Weltherrschaft, sondern nach einer multipolaren Weltordnung. Die Sicht linker Regierungen Lateinamerikas verdeutlicht die dokumentierte Rede des Präsidenten Boliviens Evo Morales zur Eröffnung des Treffens der Gruppe77+China 2014 in Santa Cruz. In dieser Rede wird auch die alternative Vision einer „weltweiten Gemeinschaft der Völker“ artikuliert. Wie diese in der lateinamerikanischen Integration umgesetzt wird, beschreibt Carlos Arrue Puelma.
Haben Befürchtungen, die zunehmenden zwischenstaatlichen Spannungen könnten auf dem Hintergrund andauernder weltwirtschaftlicher Krisenentwicklungen in einen „Großkrieg“ umschlagen, eine reale Basis? Diese Frage diskutiert Lucas Zeise. Andreas Wehr und Arnold Schölzel steuern Beiträge zur Einschätzung Russlands bei.