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China im Mittelpunkt der amerikanischen Militärstrategie

geschrieben von Marc Botenga


Die chinesische Militärphilosophie beruht traditionsgemäß auf den 1954 beschlossenen „Fünf Prinzipien friedlicher Koexistenz“. Diese beinhaltenden gegenseitigen Respekt der Souveränität und territorialen Integrität, den Verzicht auf Aggression, die gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten, sowie Gleichberechtigung und gegenseitigen Nutzen in einem friedlichen Miteinander. Gleichwohl lassen die militärische Modernisierung und der wirtschaftliche Aufbruch Chinas manche vermuten, dass China versucht, sich mit einer Armee auszustatten, die – so die einen – in der Lage sein könnte, die Welt zu dominieren, oder – so die anderen – es erlaubt, China gegen den amerikanischen Imperialismus zu verteidigen. Wiederum andere glauben, dass ein Krieg zwischen China und den USA bereits jetzt unvermeidbar sei.
Wie sieht es also aus? Unsere Analyse basiert auf der Untersuchung der Verteidigungsstrategien beider Länder im Ostchinesischen und Südchinesischen Meer.

 

Die USA – eine unangefochtene militärische Weltherrschaft

Heute sind die USA zweifellos die größte Militärmacht. 2013 betrug das amerikanische Verteidigungsbudget ungefähr 600 Milliarden Dollar, während China nur ein Fünftel dieses Betrags ausgab, Russland etwas mehr als ein Achtel davon. [1]
Die USA besitzen Militärbasen in mindestens 29 Ländern (manche Zahlen gehen bis 60), eine Militärpräsenz in 150 Ländern mit zwischen 280 000 und 325 000 aktiven Militärangehörigen im Ausland. 2013 verfügten die USA über 7 700 Nuklearsprengköpfe, davon 2 150 aktive, Russland 8 500, davon 1 800 aktive, China hingegen 250 – also weniger als Frankreich (300, davon 290 aktiv) und wahrscheinlich weniger als Israel (400?). [2]
Die Militärallianzen der USA steigern ihren Einfluss um ein Vielfaches. Außer den Übereinkommen mit den Mitgliedsländern der NATO gibt es Verträge mit Japan, Südkorea, den Philippinen, Israel, Australien und Neuseeland (ANZUS), und natürlich mit Kanada. Die NATO hat ihrerseits Abkommen über Zusammenarbeit wie den Mittelmeer-Dialog und die Istanbuler Kooperationsinitiative, dazu Partnerschaften mit Ländern des ehemaligen Sowjetblocks und „Partner in der Welt“, darunter die Mongolei, Pakistan, Afghanistan, Japan, Südkorea, der Irak, Australien und Neuseeland.
Weder China noch Russland haben die Mittel, die militärische Hegemonie der USA in Frage zu stellen. Russland hat Basen in nur sechs Ländern, alle nahe der eigenen Grenzen gelegen, dazu eine gewisse Militärpräsenz in vier anderen Ländern: in Vietnam (Logistik), in Kasachstan (Radar), in Weißrussland (Radar und Kommunikation) und in Syrien (Logistik). Eine russische Spionagebasis auf Kuba könnte wieder eröffnet werden. China hingegen hat keine Militärbasen im Ausland.
Qualitativ erreicht keine andere Allianz eine so hohe Integration wie die innerhalb der NATO. Quantitativ wichtig sind die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) für Russland und China, sowie die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), geschlossen zwischen Russland und ehemaligen Sowjetrepubliken. Die SOZ erlaubt seit etwa zehn Jahren die Ausarbeitung von gemeinsamen Militärübungen zwischen den chinesischen und russischen Armeen, um mit gemeinsamen Bedrohungen umzugehen. Wichtig ist, zu betonen, dass China einen gegenseitigen Verteidigungspakt mit Nordkorea und wichtige Kooperationen mit Pakistan hat.

 

Washingtons Ziel: Die Vorherrschaft erhalten

Der aufschlussreiche Entwurf des Texts „Defense Strategic Guidance“ von 1992 lässt keinen Zweifel: Der Kalte Krieg war vorbei, und die Mission der USA wäre zukünftig, das Aufkommen einer feindlichen Macht zu verhindern, die eine Bedrohung für die Weltsicherheit sein könnte, wie früher die Sowjetunion, und auch feindliche nicht-demokratische Vorherrschaften in für ihre Interessen grundlegenden einzelnen Regionen zu verhindern (Europa, Ostasien, Persischer Golf) und um Barrieren gegen ein Wiedererstarken einer weltweiten Bedrohung zu errichten. [3] Im Jahr 2000 bestätigte dies der neokonservative Thinktank Project for the New American Century (PNAC): „Heute stehen die USA keinem globalen Gegner gegenüber. Amerikas Strategie sollte darauf abzielen, diese vorteilhafte Situation zu erhalten und zukünftig so gut wie möglich auszubauen.“ [4]
Diese Vision wurde 1997 vom zukünftigen Obama-Berater Zbigniew Brzezinski bestätigt: „Amerika ist heute die einzige Supermacht, und Eurasien bildet das Zentrum dieser Welt. Machtverschiebungen auf dem eurasischen Kontinent werden von entscheidender Bedeutung für die amerikanische Hegemonie sein […] Eine große Koalition zwischen China, Russland und vielleicht dem Iran wäre das gefährlichste Szenario.“ [5] 2001 bestätigte Henry Kissinger: „Ein feindlicher asiatischer Block, der die bevölkerungsreichsten Nationen der Welt verbindet, mit umfassenden Rohstoff-Ressourcen, wäre unvereinbar mit den nationalen amerikanischen Interessen“. Und weiter: „Amerika muss einen Zusammenschluss in Asien zu einem feindlichen Block verhindern“. [6] 2010 blieb Obama diesen Gedanken treu, aber er konzentrierte sich vor allem auf die Erneuerung der amerikanischen Führungsrolle, um die US-amerikanischen Interessen im 21. Jahrhundert „effektiver voranbringen zu können“. [7]

 

Ein China, das der amerikanischen Vorherrschaft die Stirn bietet?

Die Modernisierung des chinesischen Militärs ist ein beliebtes Thema in den Medien. Parallel zu seiner wirtschaftlichen Entwicklung erhöht China natürlich seinen Militäretat. [8] Diese Modernisierung ist allerdings relativ. Sogar bei der Luftwaffe, die zusammen mit der Marine eine der zwei Prioritäten darstellt, gilt: Nur ein Drittel der Flugzeuge kann man modern nennen. [9] Das gilt auch für die neuen ballistischen Kapazitäten und die 5 000 Kilometer Tunnel, die den Nuklearwaffen Schutz bieten: Das erlaubt China zwar, lokale Kriege zu führen, aber keine globalen.
Generalmajorin Yao Yunzhu von der Akademie der Militärischen Wissenschaften bestätigt, dass der Abstand zwischen den amerikanischen und chinesischen Streitkräften „mindestens 30 Jahre beträgt, vielleicht sogar 50. China muss nicht militärisch zu den USA aufschließen. Aber vielleicht werden die Führer der beiden Länder weise genug sein, das Problem zu regeln, wenn wir ein gleichwertiger Konkurrent sind.“ [10] Einigen Schätzungen nach wird es nur bis 2050 dauern, bis das chinesische Militärbudget das der USA übersteigt. [11]
Die USA beschuldigen China gern, einen Internet-Krieg vorzubereiten, der auf Sabotage der EDV-Systeme des Feindes abzielt. [12] China leugnet nicht, Spionage anzuwenden, aber betont, es tut nicht mehr und nicht weniger als die USA. Der investigative Journalist Seymour Hersh will der antichinesischen Propaganda begegnen: „Die Verantwortlichen für Aufklärung und Sicherheit, überwiegend Amerikaner, sind sich einig, dass die chinesische Armee, wie übrigens jeder unabhängige Hacker, theoretisch in der Lage ist, in einem gewissen Maße Chaos in den USA zu stiften. Aber Militär-Experten, Techniker und Geheimdienstler haben mir gesagt, dass die Befürchtungen übertrieben sind.“ [13]
Das Ziel Chinas ist nicht, die USA zu besiegen, sondern seine eigene Entwicklung zu sichern. China fühlt sich verwundbar; es importiert ein Drittel seines Erdgases [14], ist einer der weltgrößten Erdölimporteure [15], und ein Gutteil dieser Importe passiert Meerengen, die theoretisch durch andere Mächte blockiert werden könnten: Ungefähr 80 Prozent seiner Ölimporte müssen durch die Straße von Malakka, das entspricht 40 Prozent des chinesischen Bedarfs. [16] Das gilt übrigens auch für Japan, Südkorea und Japan, die zu 75 Prozent von diesen Flaschenhals für ihre Ölversorgung abhängen. [17]
China ist sich dieser Verwundbarkeit bezüglich seiner Rohstoffversorgung bewusst, deswegen setzt es seine Prioritäten auf Verteidigungsstrategien und die Diversifizierung seiner Importquellen. [18] Es entwickelt insbesondere die zentralasiatische Gas-Pipeline, um seinen Zugang zu turkmenischem Gas zu sichern (was die Hälfte seiner Gasimporte ausmacht), wie auch die Pipeline China-Myanmar, die Öl und Gas nach China bringen wird, unter Umgehung der meisten Engstellen.
Das Pentagon erkennt an, dass China nicht die Auseinandersetzung mit den USA sucht: „Die chinesische Führung setzt ihre Priorität auf die Förderung einer freundlichen Umgebung, um der VRC[hina] genügend strategischen Freiraum zu geben, sich auf wirtschaftliches Wachstum und Entwicklung zu konzentrieren. Gleichzeitig versucht die chinesische Führung, Frieden und Stabilität an ihrer Peripherie aufrecht zu erhalten, ihren diplomatischen Einfluss auszunutzen, um Zugang zu Märkten, Kapital und Rohstoffen zu ermöglichen, sowie eine direkte Konfrontation mit den USA und anderen Ländern zu vermeiden.“ [19]
Die chinesische Vision erscheint in den Augen des Pentagon ziemlich ausgewogen: „China betrachtet stabile Beziehungen mit seinen Nachbarn und den USA als Grundlage für Stabilität und Entwicklung. Es betrachtet nach wie vor die USA als den dominanten regionalen wie globalen Akteur mit dem größten Potenzial, den Aufstieg Chinas sowohl unterstützen wie auch stören zu können“. [20] Dies erfordert aktive Diplomatie. Was die USA beunruhigt, ist also weniger irgendeine Aggressivität Chinas, sondern die Bedrohung ihrer Region der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit und der wirtschaftliche Aufstieg Chinas.


Eine bedrohte regionale Stellung der Amerikaner

Die USA wissen gut, dass ein großer Krieg zwischen China und den USA heute unwahrscheinlich ist, vor allem wegen der wichtigen wirtschaftlichen chinesisch-amerikanischen Verbindungen. Trotzdem, wie die Worte von Brzezinski bezeugen, sorgen sich die USA, die Kontrolle über die Region zu verlieren.
Im Bewusstsein der interventionistischen Natur des amerikanischen Imperialismus „will China, dass seine Armee in der Lage ist, als Anti-Interventionstruppen (A2/AD) zu handeln, als eine Streitmacht, die vor einer amerikanischen Intervention abschrecken kann, im Fall eines Konflikts in nahen Gewässern wegen Taiwan oder einer anderen Frage, und falls das nicht geht, zumindest den Einmarsch von US-Streitkräften zu verzögern oder ihre Effektivität zu schmälern.“ [21]
Die amerikanische Quadrennial Defense Review (QDR 2014) bestätigt, dass die chinesische Modernisierung die technologische Überlegenheit der USA bedroht, die es erlaubt, die Welt zu dominieren: „Unsere technologische Überlegenheit gab und gibt uns die ungehinderte Möglichkeit, Macht dort auszuüben, wo es nötig ist. Jedoch wird diese Überlegenheit von fähiger und wirtschaftlich stärker werdenden Gegnern herausgefordert, die möglicherweise Gegenstücke zu einigen oder allen Schlüsseltechnologien entwickeln können, auf die sich die USA inzwischen verlässt.“ [22] Konkret heißt das, die rasche Entwicklung von hochentwickelten Aufklärungssatelliten, die es China erlauben, feindliche Streitkräfte in Echtzeit zu verfolgen und ballistische Raketen zu lenken, ist der Schlüssel der Modernisierung seiner Armee geworden. [23]
Die militärische Modernisierung Chinas konzentriert sich außer auf seine Luftwaffe und Raketen insbesondere auf seine Marine. [24] 2010 hat die Indienststellung von Anti-Schiffs-Raketen des Typs Dong Feng 21D in den USA für Unruhe gesorgt. [25] Die chinesischen Interkontinentalraketen sind theoretisch in der Lage, jeden Ort auf der Erde zu erreichen. Allerdings sind diese Kapazitäten, wie auch die der Amphibienfahrzeuge [26], recht begrenzt im Vergleich zu denen der USA und Russlands. [27]
China entwickelt eine Anti-Satelliten-Kapazität, die es bereits erlaubt, Satelliten anderer Länder abzuschießen. [28] Für Ex-Verteidigungsminister Robert Gates könnten diese Entwicklungen mittelfristig die Fähigkeit der USA gefährden, Operationen im Pazifik durchzuführen. [29] Der Think-Tank RAND meint, dass amerikanischen Schiffe gegen Langstreckenraketen und lautlose U-Boote zu verteidigen schwer, teuer und zweifelsohne nutzlos sei, im Hinblick auf die gut finanzierte Beschleunigung der Installation von Anti-Schiffs-Waffen in China. [30] Angesichts des amerikanischen Imperialismus setzt China also auf die Schaffung von Sperrzonen (A2/AD) im Ostchinesischen und Südchinesischen Meer. So eine „verbotene Zone“ (A2/AD) hat eher defensiven Charakter, denn nur im Konfliktfall oder bei Bedrohung durch eine ausländische Intervention wird diese Technik wirklich nützlich. [31]
Eine A2/AD hat zwei Dimensionen: eine operationelle und eine taktische. Die taktische Dimension bedeutet die direkte Zerstörung der amerikanischen Kampfmittel in der Region, dank ballistischer Raketen, U-Booten, etc. Was die operationelle Dimension angeht so sind „die Chinesen […] zu dem Schluss gekommen, dass in zukünftigen Kriegen der Sieg darin besteht, die 'Informations-Überlegenheit' (zhi xinxi quan) zu schaffen. Die Seite, die am besten Informationen sammeln, übermitteln und auswerten kann, und gleichzeitig den Gegner daran hindert, wird siegen. In der Praxis bedeutet das für die Volksbefreiungsarmee, amerikanische Informationsnetze anzugreifen, insbesondere im Weltraum. Durch eine Kombination von physischen Attacken auf Satelliten und Attacken ohne direkten Kontakt, die ihre Funktionalität empfindlich stören (zum Beispiel durch Blenden mit Laserstrahlen), mit Cyber-Attacken auf die Information, die die Satelliten verarbeiten, hofft die Volksbefreiungsarmee, US-Schläge auf entfernte Ziele zu verhindern, damit China sein eigenes Territorium verteidigen kann: Der Vorteil wäre dann, entlang der eigenen Grenzen mit bekannter Infrastruktur zu operieren.“ [32]


Die erste und die zweite Inselkette

China orientiert sich in Richtung zweier „Inselketten“ (siehe Karte) um zu entscheiden, wo sie ihre ersten Nicht-Interventions-Zonen (A2/AD) einrichtet. [33] [34] Die erste Kette liegt die nahe dem chinesischen Festland, vom Süden Japans bis Vietnam, inklusive Taiwan. Die zweite Kette zwischen Zentraljapan und Borneo schließt die Philippinen mit ein.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Militärtheoretiker der VR China betrachten diese zwei „Inselketten“ als eine geografische Grundlage des Umkreises zur chinesischen Seeverteidigung.

[Die Karte in Originalgröße befindet sich hier. Weitere Karten lassen sich hier und hier finden.]

2013 hat China erstmals eine „Luftraumüberwachungszone“ im Ostchinesischen Meer eingerichtet. Es handelt sich „um einen „Teil angrenzenden Luftraums (teilweise auch eigener) an den eigenen Luftraum eines Landes, wo fremde Luftfahrzeuge identifiziert, geortet und kontrolliert werden.“ [35] Die Think-Tanks CSBA und RAND meinen, dass China ist auf dem Weg sei, ab 2020 die Mittel zu haben, amerikanische Flugzeugträger und Flugzeuge innerhalb des Bereichs der so genannten ersten Inselkette abzuschrecken. [36] Hillary Clinton hat hingegen zu Asien erklärt, dass die Bewegungsfreiheit auf den Meeren von der Sicherheit der USA abhänge. [37]


Welche amerikanische Strategie?

Obama wird in den USA dafür kritisiert, dass er keine kohärente Strategie gegenüber China ausgearbeitet habe. [38] In anderen Worten: Die USA wissen zwar, dass sie sich auf Südostasien konzentrieren müssten, um ihre Hegemonie aufrecht zu erhalten, aber sie wissen nicht, wie sie das anstellen sollen. Der relative regionale Aufstieg Chinas hat dennoch keine Änderung beim US-amerikanischen Ansatz hervorgebracht.
1992 plante man eine Senkung der amerikanischen Militärpräsenz in Asien, und zwischen 2001 und 2008, also während acht Reden zur „Lage der Nation“, der traditionellen Neujahrsrede des Präsidenten, erwähnt George W. Bush China nur fünf Mal: 2002 und 2003 erwähnt er es zusammen mit Russland und Indien (2002) in einer Perspektive der Zusammenarbeit. 2006 werden Indien und China als wirtschaftliche Konkurrenten erwähnt, aber China (2007) bleibt ein „Partner“ in der koreanischen Frage, und Bush sagt 2008, er sei bereit, China und Indien dabei zu helfen, eigene Energiequellen zu entwickeln.
Seit der Amtseinführung Obamas hingegen spielt China eine erstrangige Rolle in strategischen Dokumenten der USA. Von 2009 bis 2011 erwähnt Obama jedes Jahr mindestens zwei Mal China in der Rede zur „Lage der Nation“. Es wird dort vor allem als Konkurrent behandelt (ökologische Investitionen, Handelsbilanzen und andere Investitionen). Die nationale Sicherheitsstrategie 2010 machte einen klaren Unterschied zwischen Russland und China auf der einen Seite, Indien, Brasilien und Indonesien auf der anderen: [39] Mit den letzteren unterhalten die USA „Partnerschaften“, mit Russland und China haben sie nur „Beziehungen“. [40]
2011 erwähnt Hillary Clinton China als Amerikas strategischen „Dreh- und Angelpunkt nach Asien“: Sie bemerkte, dass „ein blühendes Amerika gut für China ist, und [dass] ein blühendes China gut für Amerika ist“. Trotzdem bekräftigte sie, dass die USA im Zentrum Asiens sind (!), und dass China seine militärischen Absichten klarstellen muss. [41]
2012 bestätigte die Defense Strategic Guidance, dass es nötig ist, „sich wieder der asiatisch-pazifischen Region zuzuwenden. Unsere Beziehungen zu asiatischen verbündeten und Schlüsselpartnern sind wichtig für die zukünftige Stabilität der Region. Wir werden den Schwerpunkt auf vorhandene Bündnisse legen, die wichtig für die asiatisch-pazifische Sicherheit sind. Wir werden außerdem unser Netzwerk von Kooperationen mit aufstrebenden Partnern aus der Region ausweiten, um gemeinsame Möglichkeiten zur Sicherstellung gegenseitiger Interessen zu fördern.“ [42]
In Washington wird China also vor allem als eine Gefahr angesehen, insbesondere auf lange Sicht. „Die Erhaltung von Friedens, Stabilität und freiem Handel, sowie des Einflusses der USA in dieser dynamischen Region wird zum Teil von einer grundlegenden Balance militärischer Fähigkeiten und Präsenz abhängen. Auf lange Sicht wird Chinas Aufstieg zu einer Regionalmacht möglicherweise die US-Wirtschaft und unsere Sicherheit in unterschiedlicher Weise beeinträchtigen. […] Allerdings muss das Wachstum von Chinas Militärmacht von größerer Klarheit über seine strategischen Absichten begleitet werden, um die Entwicklung von Konflikten in der Region zu vermeiden.“ [43]
Auch die Ex-Außenministerin von G. W. Bush, Condoleezza Rice, bestätigte, dass China für die USA eine geostrategische Herausforderung sei – aber das nur dann, wenn die USA sich zu weit zurückzögen. In der Geschichte seien die USA eine unerreichte pazifische Macht. [44]
Die erwähnte QDR 2014 [45], von Verteidigungsministers Chuck Hagel vorgelegt, besteht auf der Wichtigkeit von Partnerschaften und Allianzen, um diese Ziele und eine neue Dimension des Wettrüstens zu erreichen, wo es um Cyber-Sicherheit geht.


Die Vorbereitung der Eindämmung Chinas

Um die Eindämmung Chinas vorzubereiten, wollen die USA in der Lage sein, im Notfall die Energieimporte Chinas, die Bewegungsfreiheit der chinesischen Flotte und somit die Entwicklung Chinas als Ganzes zu begrenzen. Eine Serie von konkreten Maßnahmen wird von verschiedenen Kreisen in Washington entwickelt: Einkreisung durch Militärpräsenz, angepasste Militärstrategien, Einkreisung durch die mehr oder weniger China-feindlichen Allianzen, Vorbereitung oder Zündeln an lokalen Konflikten, sowie die Erhaltung der technologischen Überlegenheit Amerikas.
Die Einkreisung durch militärische Präsenz ist schon jetzt zu beobachten. Obama versprach schon 2011 in Australien, dass keine Reduktionen im amerikanischen Verteidigungshaushalt vorgenommen würden. [46] Im Gegenteil, er entschied, die Militärkooperation mit Australien zu intensivieren und ein – sicherlich begrenztes – Marinekontingent dorthin zu entsenden. [47] Während die USA global gesehen ihre Militärausgaben senken, wächst ihre Präsenz in Asien im gleichen Maße. So waren im März 2009 etwa 15 Prozent der amerikanischen Truppen in Fernost stationiert. Der Prozentsatz verdoppelte sich bis September 2012. [48] Die meisten amerikanischen Aufklärungsflüge (60 Prozent) finden nunmehr über dem Pazifik statt.
Die USA stützen ihre Einkreisung Chinas auf eine „Kette von Inseln und Militärhäfen“. [49] Diese Umzingelung sieht eine Verstärkung der Basen auf der Pazifikinsel Guam vor, eine Verstärkung der amerikanischen Präsenz in Australien und auf dem Atoll Diego Garcia inmitten des Indischen Ozeans, sowie die Errichtung neuer Basen wie auf der kleinen Pazifikinsel Saipan oder auf Palau. Auf einer Asienreise 2014 kündigte Obama symbolisch die Wiederaufnahme eines Abkommens mit den Philippinen an, das 1992 aufgegeben wurde; ein Abkommen, „das amerikanischen Schiffen und Flugzeugen den größten Zugang zu Militärbasen verschafft seit der Aufgabe der Marinebasis Subic Bay im Jahre 1992.“ [50] Dazu kommt eine gesteigerte Militärpräsenz in Südkorea und Japan.
Eine zweite Art von Maßnahmen geht in den Fluren des Pentagon um, bezüglich der Vorbereitung einer Erstschlagkraft, vor allem im See- und Luftkampf. Es handelt sich um eine Strategie eines präventiven Überraschungsangriffs, wo eine völlig überlegene Streitmacht die chinesische Verteidigung vernichten soll. [51] Für Amitai Etzioni hingegen, einen israelisch-amerikanischen Experten für amerikanische Außenpolitik, handelt es sich klar um eine Offensivstrategie: „Die Strategie besteht darin, dort in Chinas Territorium einzudringen, wo sich die Anti-Schiffs-Raketen befinden“, die man vernichten muss. [52]
Der Think-Tank RAND schlägt eine andere Option vor: In bestimmten strategisch wichtigen Ländern sollen bodengestützte Anti-Schiffs-Raketen installiert werden. [53] Diese Raketen sollen in ersten Linie eine verbotene Zone (A2/AD) zum Vorteil der USA schaffen. Strategisch platziert auf einigen Inseln im Ostchinesischen und Südchinesischen Meer würden diese billigen, einfach zu installierenden und umzugsfreundlichen Waffen die Bewegungsfreiheit chinesischer Schiffe einschränken und sie – wenn nötig – auch militärisch bedrohen. [54]
In diesem Rahmen rücken die Gebiets-Konflikte Chinas bezüglich gewisser Inseln mit Japan, den Philippinen, Vietnam und anderen Ländern der Region in den Fokus. Die Kontrolle kleiner Inseln wie der Xisha-Inseln (oder Paracel-Inseln) oder der Spratly-Inseln (Nansha in Chinesisch, Quần đảo Trường Sa in Vietnamesisch oder Kapuluan ng Kalayaa in Philippinisch) durch Alliierte der Amerikaner wie Japan oder die Philippinen würde die Einkesselung der chinesischen Schiffe im südchinesischen Meer vereinfachen. Die Kontrolle von Mini-Inseln wie Senkaku (Diaoyuta) oder Ryukyu (Nansei) würde ein Abschneiden des Seewegs zwischen China und Taiwan und Japan erlauben, dazu Chinas Manövrierfähigkeit im Ostchinesischen Meer beschneiden.
Eine dritte Art vorgesehener Maßnahmen ist eng mit den vorigen verbunden: die Einkreisung Chinas durch US-Alliierte, die mehr oder weniger China-feindlich sind. Falls sich ein Krieg im Moment als unwahrscheinlich erweist, unterstreichen viele Beobachter: „Solange ein solcher Konflikt nicht da ist, kann die Balance zwischen China und den USA jedoch durch aktuelle Entscheidungen der anderen pazifischen Länder beeinflusst werden; dazu gehört auch, ob sie ihre Politik mehr an China oder die USA anlehnen.“ [55]. In anderen Worten: Es ist für die USA wichtig, ihre Militärpräsenz zu stärken, um Chinas Nachbarländer zu „überzeugen“, zu Amerika zu halten.
Dieser Ansatz ist aber nicht nur auf das Militärische begrenzt. Seit sie eine „Leitrolle“ spielen, haben die USA die Verhandlungen mit Ländern aus der Region vorangebracht und die Transpazifische Partnerschaft eingeführt, eine Freihandelszone zwischen dem Osten und dem Westen des Pazifik unter Ausschluss Chinas. [56] Sie haben dem ASEAN eine neue Dimension gegeben, indem sie einen Freundschafts- und Zusammenarbeitsvertrag mit diese Ländern geschlossen haben, zeigen eine nie gesehene Beteiligung an den ASEAN-Regionalforen, und engagieren sich in der „Asiatisch-pazifischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit“ (APEC). Dazu hat Washington angefangen, mehr in „minilaterale“ Zusammenarbeit wie die Lower Mekong Initiative zu investieren, in die Bildungs- und Gesundheitswesen sowie in die Umwelt in Kambodscha, Laos und Vietnam, oder auch der kleinen Foru-Inseln. [57] Dazu investierten sie in die Vertiefung der Zusammenarbeit mit der Mongolei, Indonesien, Japan und Südkorea mit dem Ziel, neue Bündnisse zu schmieden, die zur „Eindämmung“ Chinas beitragen können. [58]
Die potentielle Tragweite dieser Allianzen wurde 2011 klar: Zhou Chenming vom chinesischen Think-Tank Knowfar Institute for Strategic and Defense Studies erklärte: „Etwa 172 Militärübungen wurden von den USA in der Asien-Pazifik-Region lanciert, im Durchschnitt eine alle zwei Tage. Die Übung Cobra Gold zeigt als klares Beispiel, wie schnell die Eskalation voranschritt. Diese bilaterale Militärübung wurde von den USA und Thailand lanciert, um die Allianz gegen China aus Zeiten des kalten Kriegs fortzusetzen. Sie hat sich zu einer multilateralen Militärübung ausgeweitet, nachdem andere Länder wie Singapur, die Philippinen, die Mongolei, Japan, Indonesien, Südkorea und Malaysia angefangen haben, teilzunehmen.“ [59]
Eine vierte Option ist das Anfachen lokaler Konflikte. Die beschriebenen Konflikte können als Instrument dienen, China in eine Reihe lokaler Konflikte hineinzuziehen, um es zu schwächen. Darunter gibt es die Gebietskonflikte im Ostchinesischen und Südchinesischen Meer mit Vietnam, den Philippinen, Japan und anderen. [60] Im Westen handelt es sich im Himalaya um Konflikte mit Indien, die 1962 die beiden Länder in den Krieg geführt hatten. Auch im Westen, in den Provinzen Tibet oder Xinjiang, könnten ethnische, religiöse oder sprachliche Unterschiede von fremden Mächten genutzt werden.
Eine fünfte Maßnahme hängt mit dem andauernden technischen Fortschritt und der Vorbereitung eines Cyberkriegs zusammen. Für den Verteidigungsetat 2015 hat Obama in der Tat versucht, die Budgeteinschnitte für Forschung und Entwicklung zu begrenzen. Diese Forschung konzentriert sich auf Kybernetik, Raketenverteidigung, atomare Abschreckung, Raumfahrt, Präzisionsschläge, ISR (Nachrichtenbeschaffung, Beobachtung und Aufklärung), Terrorismusbekämpfung und Spezialaufgaben. Diese Liste von Prioritäten passt zu der Auffassung, dass neue und asymmetrische Bedrohungen dort bestehen, wo die USA am meisten verwundbar seien. [61]
Die USA setzen auf Spionage-Software vom TAO (Office of Tailored Access Operations), einer Abteilung der NSA, die sich mit dem Cyber-Krieg gegen China beschäftigt: Das TAO ist seit 15 Jahren erfolgreich in die chinesischen Informations- und Kommunikationssysteme eingedrungen. So sorgt es für beste Information und verlässlichste Aufklärung darüber, was in der VR China passiert. [62] Beispiele wie der Virus Stuxnet, der einen Teil des iranischen Nuklearprogramms stört, zeigen, dass die USA sich nicht auf Cyber-Spionage beschränken, sondern einen aktiven Cyber-Krieg führen: „Cyber-Krieg bringt das Eindringen in ausländische Netze mit sich, mit dem Ziel, diese Netzwerke zu stören oder auseinanderzunehmen, um sie unbrauchbar zu machen.“ [63]
Im Mai 2010 wurde ein Unterkommando für Informationssicherheit der Armee (US Cyber Command) eingerichtet, und seit 2012 sprechen die USA offen von einem offensive Vorgehen im Bereich der Cyber-Sicherheit: „Die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) [ist] die experimentelle Forschungsabteilung des Pentagon. Die Finanzierung der DARPA ermöglichte die Erfindung des Internet, unsichtbarer Flugzeuge, von GPS und Spracherkennungssoftware, und das neue Programm, genannt Projekt X, ist ähnlich ehrgeizig. DARPA-Manager sagten, das Ziel von Projekt X wären die 'Schaffung revolutionärer Technologien zum Nachvollziehen, Planen und Managen von Cyber-Kriegsführung.' Die US Air Force hat ebenso ihre Bereitschaft signalisiert, in den Cyber-Angriffs-Modus zu wechseln und hat im August angekündigt, dass sie auf der Suche nach Ideen ist, wie man die Fähigkeiten der Gegner, den Bereich Cyberspace zu verwenden, 'zerstören, bekämpfen, schwächen, stören, täuschen, korrumpieren oder sich ihrer bemächtigen kann'.“ [64]
Konkret gesagt könnten solche neuen Fähigkeiten wahrscheinlich zukünftig bestimmte Bombardements ergänzen, wenn nicht sogar ersetzen: „Im April 2009, zum Beispiel, schlug der damalige Air-Force-General Norton Schwartz vor, dass Cyber-Waffen für Angriffe auf das feindliche Luftverteidigungssystem verwendet werden könnten. 'Traditionell', so Schwartz, 'zerstören wir komplette Luftverteidigungssysteme mit kinetischen Mitteln. Aber wenn es möglich wäre, Radarsysteme oder Raketensysteme durch Cyber-Angriffe zu stören, wäre das ein weiteres sehr mächtiges Werkzeug in unserer Ausrüstung, das uns das Gelingen unserer Luftmissionen erlauben würde'.“ [65] 2009 meldete das CNCERT (National Computer Network Emergency Response Technical Team), die chinesische Informatik-Sicherheits-Agentur, dass 4 062 in den USA beheimatete Server 2,91 Millionen chinesische Großrechner 'entführt' haben. [66]


China vor der regionalen Offensive?

Besorgt, eine Umzingelung nahe seiner Küsten durch die USA zu vermeiden, nimmt China ebenfalls Territorialkonflikte fester in die Hand, einerseits mit Japan, andererseits mit Vietnam und den Philippinen. Auch, wenn es keinen Zweifel gibt, dass es Chinas oberstes Ziel ist, sich gegen den amerikanischen Imperialismus zu verteidigen, um sich seine Freiheit der Entwicklung zu sichern, kann sich diese Strategie auf regionaler Ebene zu einer offensiven Strategie gegenüber seinen Nachbarn entwickeln. Das chinesische Verteidigungsbudget macht aus dem Land in der Tat einen regionalen militärischen Riesen. [67]. Nach Projektionen läge Chinas Budget 2015 bei mehr als 238 Milliarden Dollar, verglichen mit 66,6 Milliarden in Japan, 44,9 Milliarden in Indien, 35,5 Milliarden in Südkorea und 27,5 Milliarden in Australien. Andere Länder wie Vietnam (3,9 Milliarden) liegen weit dahinter. [68]
Die Umzingelung Chinas im Ostchinesischen und Südchinesischen Meer wäre ohne die Zusammenarbeit zwischen den USA und gewissen Ländern der Region unmöglich, daher rührt die oben beschriebene Politik. China befindet sich in einer objektiv schwierigen Position: Wenn es einerseits die Kontrolle einiger umstrittener Inseln im Ostchinesischen und Südchinesischen Meer erringen würde, könnte es die Umzingelungsstrategie vereiteln – andererseits würde eine zu starke Position das Risiko verstärken, als Expansionist dazustehen, was seine Nachbarn in die Arme der USA treiben könnte. So hängt z. B. die Charme-Offensiven der USA gegenüber Myanmar nicht wenig mit Zögern dieses Landes bezüglich der Pipeline Myanmar-China zusammen. [69]
China und seine Nachbarn sind sehr interessiert an diplomatischen Lösungen, während der amerikanische Imperialismus viel Interesse daran hat, die Spannungen zu schüren. In diesem Sinne könnten sich die Spannungen um die kürzliche Installation von Chinas Ölplattform 981 in umstrittenen Gewässern – was antichinesische Demonstrationen in Vietnam hervorrief – als ein gefundenes Fressen für die amerikanischen Strategen erweisen, die Vietnam sofort empfohlen haben, die militärische Zusammenarbeit zu verstärken. [70]
Der philippinische Revolutionär José María Sison erklärt die Komplexität der Situation gut: Er verurteilt die „chinesische Aggression“, wie er sie nennt, [71] bezüglich der chinesischen Forderungen im Südchinesischen Meer. Aber er unterstreicht, dass das „Bild von China als einer Bedrohung für die Sicherheit der anderen Länder übertrieben ist: Es wird benutzt, um die Festigung der amerikanischen Militärpräsenz auf den Philippinen zu rechtfertigen. Das wiederum gibt den USA Gelegenheit, sich militärisch in der asiatisch-pazifischen Region breitzumachen.“ [72]
Die Völker der Region haben natürlich nichts zu gewinnen durch die Annäherung an die USA. Das philippinische Forschungszentrum IBON unterstreicht deswegen, dass der neue Vertrag über gegenseitige Verteidigung zwischen den Philippinen und den USA, unterzeichnet am 28. April 2014, schwerwiegende Folgen haben kann: Vertreibung der Bevölkerung von ihren Böden, um amerikanische Militärbasen zu vergrößern, die Prostitution für amerikanische Soldaten zu fördern, die Arbeit der Fischer während Manövern der amerikanischen Flotte einzuschränken, sowie die Abschaffung der Rechte der philippinischen Arbeiter zugunsten eines Systems militärischer Subunternehmer. [73]


Von globaler Bedeutung?

Auch wenn sich China bisher auf die Sicherung seiner wirtschaftlichen Interessen in den chinesischen Meeren beschränkt, kann sich das zukünftig ändern. Seit 2004 schließt China die Verteidigung seiner weltweiten Interessen in seine Ziele ein, was sich zurzeit in der Praxis auf die Verteidigung seiner Interessen im Indischen Ozean und im Pazifik beschränkt. Darüber hinaus lehnt China traditionell jegliche Einmischung in innere Angelegenheiten anderer Länder ab, aber seit 2010 bestätigen seine Weißbücher über Verteidigung und nationale Sicherheit, dass seine Verteidigung „in erster Linie defensiver Natur“ ist, [74], während die Definition bis 2008 „ausschließlich defensiv“ lautete. [75]. Die Bedeutung des Wortes Verteidigung hat sich also im Laufe der Jahre gewandelt.
Die Direktiven über aktive Verteidigung von Jiang Zemin (Military Guidelines for the New Period 1993) hatten als hauptsächliches Ziel, den Schutz der wirtschaftlichen Zentren und die Begrenzung des Meereszugang der USA über Taiwan hinaus zu entwickeln. Um „einen lokalen Krieg unter den Bedingungen der Hochtechnologie“ gewinnen zu können, hat die chinesische Volksbefreiungsarmee auch ihre offensiven Fähigkeiten weiter entwickelt. [76]
Das 2013 veröffentlichte offizielle strategische Dokument Der breitgefächerte Einsatz der chinesischen Streitkräfte bestätigt klar: „Mit zunehmender Integration der chinesischen Wirtschaft in das globale Wirtschaftssystem sind Interessen im Ausland integraler Bestandteil der nationalen Interessen Chinas geworden. Die Sicherheitsfragen werden immer wichtiger, einschließlich Fragen von Energie und Rohstoffen im Ausland, strategischen Seewegen, Auslandschinesen und Auslandsfirmen.“ [77]
Diese Entwicklung basiert unter anderem auf den „Neuen historischen Missionen“ der Volksbefreiungsarmee, 2004 von Präsident Hu Jintao präsentiert, die auch beinhalten, eine wichtige Rolle „beim Bewahren des Weltfriedens und der Förderung gemeinsamer Entwicklung“ zu spielen. [78] In dieser Hinsicht entwickelt China zurzeit seine Seeluftflotte: Neben dem Liaoning, dem Nachbau eines 1998 gekauften sowjetischen Flugzeugträgers, besitzt es mindestens zwei neue Flugzeugträger.
Seit 2013 spricht China auch mehr und mehr offen von seinen Übersee-Interessen, [79] einschließlich seiner Energieversorgung, dem Schutz chinesischer Bürger und Unternehmen im Ausland, wie zu Beispiel anlässlich der Evakuierung chinesischer Bürger aus Libyen 2011 oder auch Anti-Piraten-Einsätzen vor der somalischen Küste – wo China bis September 2012 bei 13 Anlässen 34 Kriegsschiffe, 28 Hubschrauber und 910 Spezialeinsatzkräfte stationiert hatte.
Die Beteiligung Chinas an den internationalen Missionen der UNO ist auch wesentlich gestiegen: Nach chinesischen Angaben hat das Land 3 362 Soldaten für die 13 UNO-Missionen 2004 bereitgestellt, hingegen 22 000 Soldaten für 23 Missionen im Jahr 2013.
Einige Stimmen in China erheben sich zugunsten einer wohlüberlegten Strategie von Militärbasen rund um den Globus. [80]. Eine beliebte Theorie in Indien und im Westen besagt, es gäbe eine chinesische „Perlenketten“-Strategie, die darin besteht, Häfen rund um den Indischen Ozean einzurichten. [81]. Auch wenn das Gerücht um eine chinesische Marinebasis in Pakistan (Gwadar) sich als falsch herausgestellt hat und China es dementiert hat, [82] scheint diese Theorie nicht grundlos zu sein. Tatsächlich wäre es logisch, dass China zivile Häfen nutzt, um potentielle Embargos zu umgehen. Der Analyst Robert D. Kaplan, ein Spezialist für den Indischen Ozean, bemerkte, dass China Sri Lanka Hilfe gegen die tamilischen Rebellen angeboten hat, im Austausch für größeren Einfluss. [83]. RAND meint, die aktuellen militärischen Entwicklungen würden es China ermöglichen, seinen Einfluss auf den Indischen Ozean auszudehnen, bis 2015/2020 sogar bis zum Persischen Golf. [84]
Nichtsdestoweniger meint das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI: Obwohl China in seiner internationalen Rolle durch die Evakuation seiner Bürger oder diplomatische Interventionen im Südsudan-Konflikt gewachsen ist, sind dies nur vereinzelte unerwartete Ereignisse, die China von seiner Strategie der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder abweichen lassen, denn diese Strategie der Nichteinmischung ist einer seiner wichtigsten diplomatischen und kommerziellen Trümpfe. [85]


Schlussfolgerung

Das Wachstum Chinas verängstigt die USA. Als führende imperialistische Weltmacht, die ihre absolut dominante militärische Position erhalten will, hält sie China für eine aufstrebende Regionalmacht, die es auf lange Sicht mit ihrer Vorherrschaft aufnehmen kann. Im Moment, durch seine technologische Entwicklung und insbesondere seine Anti-Schiffs-Raketen und seine Satelliten- und Cyber-Kapazitäten, könnte China diese Vorherrschaft in Südostasien erschweren.
Angesichts dieser Herausforderungen suchen die USA nach Wegen, den Fortschritt der wirtschaftlichen und militärischen Macht Chinas zu begrenzen, aber ohne seine Entwicklung total abzuschnüren, weil dies in Hinsicht auf die wirtschaftlichen Verflechtungen beider Länder ihnen nicht bekommen würde. Um diese Ziele zu verwirklichen, entwickeln sie eine Reihe konkreter Maßnahmen, wie die Einkreisung durch mehr oder minder feindliche Allianzen, militärische Einkreisung, die Vorbereitung eines Präventivschlags, die Vorbereitung lokaler Konflikte und den Schutz ihrer technologischen Führerschaft.
Durch den Übergang von einer rein defensiven zu einer proaktiven Militärstrategie bestätigt China heute, dass es für seine Integration in die Weltwirtschaft notwendig ist, seine wirtschaftlichen Interessen weltweit zu verteidigen. In der Praxis begrenzt sich diese Zielsetzung noch auf eine nichtmilitärische Verteidigung seiner Interessen im Indischen Ozean, was mit der chinesischen Sichtweise der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder zusammenhängt, aber auch mit den offensichtlichen Grenzen seiner militärischen Stärke. Mit dem Wachstum chinesischer Investitionen im Ausland und dem unleugbaren Einfluss chinesischer Großunternehmen auf die chinesische Außenpolitik kann nicht ausgeschlossen werden, dass China seine Sichtweise der „Nichteinmischung in innere Angelegenheiten anderer Länder“ neu interpretiert.

Mit freundlicher Genehmigung aus „Études marxistes“ Nr. 107.
Übersetzung aus dem Französischen von Andreas Spector.

Anmerkungen:

[1] http://www.iiss.org/-/media/Images/Publications
[2] http://www.fas.org/programs/ssp/nukes/nuclearweapons/nukestatus.html.
[3] http://www.archives.gov/declassification/iscap/pdf/2008-003-docs1-12.pdf
[4] http://www.informationclearinghouse.info/pdf/RebuildingAmericasDefenses.pdf
[5] Z. Brzezinski, The Grand Chessboard : American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, Basic Books, 1997
[6] H. Kissinger, Does America Need a Foreign Policy?, Simon & Schuster, 2001.
[7] US National Security Strategy, Mai 2010
[8] S. Perlo-Freeman, « March 2014 : Deciphering China’s latest defence budget figures », SIPRI, März 2014
[9] A. Cordesman & N.S. Yarosh, Chinese Military Modernization, Revisited 30 July 2012
[10] The Economist, « The Dragon’s New Teeth », 7. April 2012, http://www.economist.com/node/21552193.
[11] http://defense-update.com
[12] http://www.nytimes.com/2013/05/07/world/asia
[13] S.M. Hersh, « The Online Threat », The New Yorker, 1. November 2010
[14] http://news.xinhuanet.com/english/china/2014-02/03/c_133091347.htm
[15] http://uk.reuters.com/article/2014/02/12
[16] http://www.e-ir.info/2012/09/07/the-importance-of-the-straits-of-malacca
[17] http://blogs.wsj.com/searealtime/2013/05/13
[18] Carte : Military and Security Developments Involving the People’s Republic of China 2011
[19] Department of Defense, Annual Report to Congress : Military and Security Developments Involving the People’s Republic of China 2012,http://www.defense.gov/pubs/pdfs/2012_cmpr_final.pdf
[20] Department of Defense, Annual Report to Congress: Military and Security Developments Involving the People’s Republic of China 2013,http://www.defense.gov/pubs/2013_China_Report_FINAL.pdf
[21] R. O’Rourke, « China Naval Modernization : Implications for U.S. Navy Capabilities — Background and Issues for Congress », Congressional Research Service, 10. April 2014
[22] www.defense.gov/pubs/2014_Quadrennial_Defense_Review.pdf.
[23] http://www.reuters.com/article/2011/07/11
[24] R. O’Rourke, op. cit.
[25] http://thediplomat.com/2012/11/chinas-carrier-killer-the-df-21d
[26] R. O’Rourke, op. cit.
[27] Department of Defense, Annual Report to Congress: Military and Security Developments Involving the People’s Republic of China, 2012,http://www.defense.gov/pubs/pdfs/2012_CMPR_Final.pdf
[28] Beijing carried out a watershed anti-satellite test in January 2007, using a ground-based missile to knock out one of its inactive weather satellites in high polar orbit. http://www.reuters.com/article/2011/01/14
[29] http://www.reuters.com/article/2011/01/14
[30] RAND Research Brief 2013, The Future of Sea Power in the Western Pacific
[31] D. McDonough, « China’s naval strategy—from sea denial to sea control? », 1. August 2013
[32] D. Cheng, « Countering China’s A2/AD Challenge », The National Interest, 20. September 2013
[33] China — Military — The First and Second Island Chains 2009 (323K) From Military Power of the People’s Republic of China 2009 [Annual Report to Congress] U.S. Department of Defense, c/o the University of Texas Libraries, The University of Texas at Austin
[34] Department of Defense, Annual Report to Congress: Military and Security Developments Involving the People’s Republic of China 2012, http://www.defense.gov/pubs/pdfs/2012_CMPR_Final.pdf
[35] M.D. Swayne, « Chinese Views and Commentary on the East China Sea Air Defense Identification Zone », China Leadership Monitor, Nr. 43, 14. März 2014
[36]  The Economist, « The Dragon’s New Teeth », op. cit.
[37] A. Etzioni, « Who Authorized Preparations for War With China ? », Yale Journal of International Affairs, Sommer 2013, pp. 37-51.
[38]  Ebenda
[39] http://www.whitehouse.gov/sites/default/files/rss_viewer
[40] La différence terminologique est importante car, dans des textes stratégiques, chaque mot compte. Quand la Chine parle de sa relation avec la RDPC comme celle de « dents et lèvres » c’est très différent de « liens fraternels », d’« alliances », ou, comme plus récemment, de « relations normales d’État à État ». L’évolution du discours indique une évolution indéniable de la vision stratégique.
[41] H. Clinton, « America’s Pacific Century », Foreign Policy, 11. October 2011
[42] Richtlinien für Pentagon, geschrieben vom damaligen Verteidigungsminister Robert Gates, http://www.defense.gov/news/defense_strategic_guidance.pdf.
[43] Ebenda
[44] http://www.heritage.org/research/lecture/2012/06
[45] www.defense.gov/pubs/2014_Quadrennial_Defense_Review.pdf
[46] http://www.whitehouse.gov/the-press-office/2011/11/17/
[47] http://www.voanews.com/content
[48] http://blog.thomsonreuters.com/index.php
[49] J. Reed, « Surrounded : How the U.S. Is Encircling China with Military Bases. », The Complex, Foreign Policy, 20. August 2013
[50] J. Glaser, « The US Is ‘Encircling China With Military Bases’ », 22. August 2013
[51] T.K. Kelly, A. Atler, T. Nichols & L. Thrall, « Employing Land-Based Anti-Ship Missiles in the Western Pacific », RAND Technical Report, Rand Arroyo Center, 2013.
[52] C.P. Cavas, « Defining Air-Sea Battle : From Interservice Cooperation to Nuclear Confrontation, or Somewhere in Between », 27. Juli 2013
[53] T.K. Kelly et al, « Employing Land-Based Anti-Ship Missiles in the Western Pacific », 2013
[54] Anti-access, area denial bedeutet: Niemand anders darf das Gebiet betreten.
[55] R. O’Rourke, op. cit.
[56] http://www.ustr.gov/tpp
[57] H. Clinton, « America’s Pacific Century », Foreign Policy, 11. October 2011
[58] S.A. Snyder, « Obama’s Mission in Asia : Bring the Allies Together », CFR Blogs, 21. April 2014
[59] http://www.wantchinatimes.com/news
[60] Heritage Foundation
[61] http://csis.org/publication/2014
[62] M. M. Aid, « Inside the NSA’s Ultra-Secret China Hacking Group », National Security, Foreign Policy, 10. Juni 2013
[63] S. M. Hersh, « The Online Threat », The New Yorker, 1. November 2010
[64] T. Gjelten, « First Strike: US Cyber Warriors Seize the Offensive », World Affairs, Januar/Februar 2013
[65] Ebenda
[66] http://www.reuters.com/article/2013/06/05
[67] http://www.allvoices.com/contributed-news
[68] http://www.emergencyscene.com/page/77
[69] M. Duchâtel et al., «Protecting China’s Overseas Interests », SIPRI Policy Paper 41,Stockholm 2014
[70] http://www.scmp.com/news/asia/article/1512716
[71] http://www.josemariasison.org/?p=14305
[72] http://www.aljazeera.com/indepth/opinion/2014/04
[73] http://ibon.org/ibon_features.php?id=404
[74] The Diversified Employment of China’s Armed Forces, 2013, http://news.xinhuanet.com/english/china/2013-04/16/c_132312681.htm, China’s National Defense in 2010 http://news.xinhuanet.com/english2010/china/2011-03/31/c_13806851.htm
[75] China’s National Defense in 2008, http://english.gov.cn/official/2009-01/20/content_1210227.htm
[76] C.A. Cooper, « The PLA’s Navy’s “New Historic Missions” : Expanding Capabilities for a Re-emergent Maritime Power », Testimony presented before the U.S.-China Economic and Security Review Commission on June 11 2009
[77] http://news.xinhuanet.com/english/china/2013-04/16/c_132312681.htm
[78] J. Mulvenon, « Chairman Hu and the PLA’s “New Historic Missions” », China Leadership Monitor Nr. 27, Hoover Institution, http://media.hoover.org/documents/CLM27JM.pdf
[79] The Diversified Employment of China’s Armed Forces, 2013, http://news.xinhuanet.com/english/china/2013-04/16/c_132312681.htm.
[80] http://www.china-defense-mashup.com
[81] http://www.washingtontimes.com/news/2005/jan/17/20050117-115550-1929r
[82] http://articles.economictimes.indiatimes.com/2013-03-04/news
[83] http://www.michaeltotten.com/archives/2009/07/a-conversation.php
[84] C.A. Cooper, « The PLA’s Navy’s “New Historic Missions” : Expanding Capabilities for a Re-emergent Maritime Power », Testimony presented before the U.S.-China Economic and Security Review Commission on June 11 2009
[85] M. Duchâtel et.al., «Protecting China’s Overseas Interests », SIPRI Policy Paper 41, Stockholm 2014

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