Font Size

Cpanel

Editorial

»Aufbruch? – Die Integration Lateinamerikas« war ein Schwerpunktthema der
Marxistischen Blätter (3-05) vor gut neun Jahren. Hier knüpfen die Beiträge
dieses Heftes an, indem wir nach dem heutigen Stand der Dinge fragen. Eine
(Zwischen)Bilanz war uns angesichts der Größe der Aufgabe ein zu hoher An-
spruch für diese »Region mit der größten Dynamik« im weltpolitischen Rah-
men (Sergio de Zubiria Samper). Die Tatsache, dass zwei zugesagte Beiträge aus
Venezuela und Chile (noch) nicht in dieses Heft aufgenommen werden konn-
ten, hat mit eben dieser Klassenkampfdynamik zu tun bzw. mit der eingreifen-
den Rolle unserer Autoren in den Kämpfen vor Ort. Die Beiträge werden aber
nachgereicht.
Unser kolumbianischer Autor, Sergio De Zubiria Samper, gibt einen nüch-
ternen Überblick über die »neue Zeit in den Einigungs- und Integrationspro-
zessen des Kontinents«, ihre Grundideen als Emanzipationsprojekte und impe-
rialistische Gegentendenzen. Die beiden brasilianischen Autoren befassen sich
konkreter mit der ökonomischen Entwicklung z. B. von Mercosur (Eduardo G.
Serra) bzw. der Vorgeschichte von CELAC und der Rolle der politischen Par-
teien sowie des Forums von São Paulo (Ricardo Alemao Abreu). Antworten des
Präsidenten der KP Chiles, Guillermo Teillier, auf Fragen zur Regierungsbetei-
ligung der Kommunisten im Kabinett von Michelle Bachelet, deuten u. a. neue
Chancen zur Stärkung des Projektes einer solidarischen Integration an, die
Wege in eine andere, sozialistische Zukunft öffnet. Zwei bundesdeutsche La-
teinamerikaspezialisten fokussieren den Blick auf Aspekte neuer Medienpolitik
in Lateinamerika (Dieter Boris) und die Gefahr, die den Linksregierungen von
inneren und äußeren Gegnern, u. a. diversen Stiftungen droht (André Scheer).
Aus europäischer Sicht interessant sind lateinamerikanische Lehren aus dem
Integrationsmodell EU, konkret die eher abschreckenden »Fernwirkungen«
desselben. »Die EU hat die Länder an der Peripherie grundlegender Souverä-
nitätsinstrumente ihrer nationalen Entwicklung beraubt und die Ungleichheit
innerhalb des Blocks im Rahmen einer kapitalistisch-imperialistischen Integra-
tion föderalen Charakters bei gleichzeitiger militaristischer, neoliberaler Politik
verstärkt.« (R. A. Abreu) Man müsse »alles tun, um absolut nichts von der Eu-
ropäischen Union zu kopieren, der EU, die nicht mehr ist als ein auf der Macht
der Monopole und nicht auf der Macht der Völker beruhendes Modell.«
Umgekehrt können und sollten auch europäische Linke mehr lernen vom
lateinamerikanischen Kampf um eine gänzlich andere Art von Integration, eine
solidarische, eine demokratische, frei von militärischer oder wirtschaftlicher
Gewalt, mit uneingeschränktem Respekt vor kultureller Diversität und natio-
naler Souveränität der Völker. Auch diesen Lernprozess ein kleines Stück zu
befördern und zu verbreitern, ist erklärtes Ziel dieses Schwerpunktthemas. Zu
»Lehren aus Lateinamerika« empfehlen wir darum auch den Vortrag, den der
Wirtschaftswissenschaftler und Präsident Ecuadors, Rafael Correa, im Novem-
ber letzten Jahres an der Sorbonne-Universität in Paris gehalten hat.