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Vom sozialen Widerstand zum Klassenkampf

geschrieben von Tierrechtsgruppe Zürich


Überlegungen der Tierrechtsgruppe Zürich zu den Widerstandspraxen der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung und der Frage nach einer revolutionären Strategie

Die politische Praxis der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung ist häufig radikaler als ihre theoretische Analyse. In puncto Theorie dominieren seit den Anfängen der Bewegung bürgerlich-idealistische Strömungen, welche die Ausbeutung der Tiere auf eine geistige Ursache wie den «Speziesismus» oder den «Mensch-Tier-Dualismus» zurückführen. Folglich sehen sie den Schlüssel zur Überwindung der Tierausbeutung in der Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins. Die Befreiung der Tiere soll durch moralische Appelle, Aufklärung über den Veganismus oder das Aufbrechen von Denk- und Sprechmustern erreicht werden.
Diese idealistischen Vorstellungen verkennen nicht nur die Abhängigkeit des Bewusstseins von den jeweiligen historisch-materiellen Bedingungen. Sie ignorieren auch die kapitalistische Produktionsweise als die wesentliche Grundlage des destruktiven Verhältnisses zu Tieren in der gegenwärtigen Gesellschaftsformation. Betrachtet man jedoch die konkrete Praxis der Bewegung, stellt man fest, dass oft instinktiv materialistischer vorgegangen wird als die theoretische Orientierung nahelegt. Eine Vielzahl der Aktionen und Widerstandsformen setzt unmittelbar bei der Produktion an und richtet sich gegen die Art und Weise, wie diese unter kapitalistischen Verhältnissen organisiert ist. Damit handeln die AktivistInnen genuin systemkritisch. Sie wissen es nicht, aber sie tun es.

Direkte Aktionen und Kampagnen gegen Unternehmen

Die politische Praxis der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung wird vor allem durch zwei Formen des Widerstands geprägt: durch direkte Aktionen und durch Kampagnen gegen Unternehmen, die sich am Geschäft mit der Ausbeutung von Tieren beteiligen. Die Verbreitung der direkten Aktion als politisches Kampfmittel geht in der modernen Bewegung auf die Entwicklung der Taktik der Animal Liberation Front (ALF) zurück. Diese Taktik besteht darin, dass kleine, unabhängige Zellen nach bestimmten Grundsätzen Sabotageakte durchführen. Seit der Gründung der ALF im Jahr 1976 in England sind in ihrem Namen weltweit tausende militante Aktionen verübt sowie unzählige Tiere vor dem sicheren Tod bewahrt worden. Die Aktionen der ALF reichen von Farbanschlägen gegen Pelzgeschäfte bis zum Niederbrennen von Schlachthöfen und zielen darauf, die Profiteure der Tierausbeutung ökonomisch zu schädigen, Tiere aus den Käfigen zu befreien und das verborgene Leiden der Tiere ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Indem die ALF die Unternehmen angreift, die vom Elend der Tiere profitieren, wendet sie sich gegen die wirklichen Triebkräfte hinter deren Ausbeutung: die ökonomischen Interessen des Kapitals.
Durch die Aktionen der ALF gelingt es immer wieder, die Gewalt gegen Tiere und das damit verbundene Leid partiell zu verhindern. Gleichzeitig tendiert die ALF aber zu einer Fetischisierung der Methode der direkten Aktion. Sie verzichtet auf eine politisch ausgearbeitete und einheitliche Strategie sowie feste Organisationsstrukturen und setzt allein auf die autonome Initiative einzelner militanter AktivistInnen, die sich bloss für spezifische Aktionen zusammenschließen. Daher bleibt ihr Widerstand in vielen Punkten individualistisch und unzusammenhängend und kann nicht die politische Schlagkraft entwickeln, die für eine gesellschaftliche Befreiung der Tiere notwendig wäre.
Einen etwas höheren Grad an Taktik und Organisation entwickelt das Campaigning, das seit den 1990er-Jahren zu den charakteristischen Widerstandsformen der Bewegung zählt. Dieses Konzept ist darauf ausgerichtet, die Kräfte mehrerer Gruppen und Einzelpersonen zu bündeln und sie auf den Kampf gegen ausgewählte Unternehmen der Tierausbeutungsindustrie zu konzentrieren. Dadurch soll die Effektivität des Widerstands erhöht werden. Kampagnen legen bestimmte Ziele fest, z. B. die Schließung eines Tierversuchslabors oder der Ausstieg eines Modekonzerns aus dem Pelzhandel, und setzen den ausgesuchten Gegner solange gezielt unter Druck, bis die Forderungen erreicht sind. Hierfür bedienen sich Kampagnen einer breiten Palette an Mitteln: Demonstrationen und regelmäßige Kundgebungen vor Unternehmensstandorten, aufrüttelnde Enthüllungen über die Situation der Tiere, Email- und Telefonproteste, Boykottaufrufe oder Störungen von Aktionärsversammlungen. Häufig werden Tierrechtskampagnen auch durch militante Aktionen der Animal Liberation Front unterstützt.
Mittels des kollektiven Kampfes gegen einzelne Unternehmen konnte insbesondere die Pelz- und Tierversuchsindustrie in den letzten Jahren erfolgreich geschwächt bzw. ihre Geschäftstätigkeiten erschwert werden. Allerdings entwickeln auch Tierrechtskampagnen keine politische Strategie für die gesellschaftliche Befreiung der Tiere. Sie treten der industriellen Verwertung der Tiere in gewissen Bereichen zwar vehement entgegen, aber sie konzentrieren sich einzig und allein auf die Durchsetzung von Forderungen zur Verhinderung von Tierleid im Hier und Jetzt. So sehr dies seine Berechtigung hat, die gesellschaftlichen Ursachen, welche die Ausbeutung der Tiere überhaupt erst bewirken, und die Bedingungen ihrer Überwindung werden dabei meist ausgeklammert. Die Grenzen dieses Ansatzes offenbaren sich nicht nur im Hinblick auf die Universalität der kapitalorientierten Aneignung der Natur in der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch angesichts der zunehmenden «konzerngesteuerten Repression» (Will Potter) gegen die Bewegung, die sich den rücksichtslosen Verwertungsinteressen des Kapitals entgegenstellt.
Durch den Widerstand gegen die Ausbeutung der Tiere gerät die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung in Konfrontation mit dem Kapital und seinen staatlichen Organen. Doch die AktivistInnen machen sich die antikapitalistischen Implikationen ihrer Forderungen nicht bewusst und entwickeln bis anhin keine politische Theorie und Strategie zur Befreiung der Tiere.
 
Tierbefreiung heißt Klassenkampf

Es ist eine grundlegende Erkenntnis historisch-materialistischer Theorie, dass Ausbeutung primär eine Frage der politisch-ökonomischen Praxis ist, ohne die ideologische und kulturelle Phänomene nicht erklärt werden können. Solange die kapitalistische Gesellschaftsordnung besteht, kann die Tierfrage nicht gelöst werden, denn die Profitmacherei auf Kosten der Natur, der Tiere und der lohnabhängigen Menschen ergibt sich aus dem Wesen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse selbst. Der Weg zu einer befreiten Gesellschaft ohne Ausbeutung von Mensch und Tier führt daher nur über den revolutionären Bruch mit dem Kapitalismus. Zwar führt eine sozialistische Revolution nicht automatisch zur Aufhebung der Tierausbeutung. Doch nur sie schafft die materiellen Voraussetzungen dafür: die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Ausrichtung der Produktion an den Bedürfnissen der Gesamtheit wie der einzelnen Individuen – anstatt an der Produktion von Mehrwert im Interesse einer kleinen Gruppe von KapitalbesitzerInnen. Daraus folgt für den Kampf um die Befreiung der Tiere, dass er eine revolutionäre Perspektive entwickeln und sich als Teil des Klassenkampfs gegen die kapitalistische Ordnung begreifen muss.
Die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung steht somit vor der Aufgabe, ihren Kampf im Rahmen einer umfassenden Strategie zur Überwindung des Kapitalismus zu konzipieren. Auch wenn sie erst am Anfang dieses Prozesses steht, zeichnen sich drei wichtige Voraussetzungen dafür bereits ab: Erstens die Überwindung der idealistischen und (klein-)bürgerlichen Vorstellungen in der Bewegung und die Ausarbeitung einer historisch-materialistischen Analyse der Tierausbeutung. Zweitens die Abkehr von der Ein-Punkt-Politik (single issue) hin zu einer Politik des Klassenkampfs. Da eine Befreiung der Tiere erst durch den Sturz des Kapitalismus möglich wird, kann sich die politische Praxis der Bewegung nicht allein an der Verhinderung von Leid und Tod der Tiere orientieren, sondern muss darauf ausgerichtet sein, das Klassenbewusstsein, die Klassenkämpfe und die Organisierung der unterdrückten Massen zu stärken. Drittens muss daher die Entwicklung des politischen Dialogs und die Bündnisarbeit mit Kräften der revolutionären Linken vorangetrieben werden.
Hieraus lassen sich bereits einige Fragen ableiten, welche die Bewegung im Hinblick auf ihre gegenwärtigen und neu zu entwickelnden Praxisformen diskutieren muss: Wie können im Kampf gegen die kapitalistischen Unternehmen Bündnisse mit der ArbeiterInnenbewegung geschlossen werden? Unter welchen Bedingungen und Umständen können militante direkte Aktionen zur Hebung des Bewusstseins und der Förderung der Kämpfe der Massen beitragen? An welchen Orten des politischen Widerstands lassen sich die Ausbeutung der Tiere und die Ausbeutung der Menschen gemeinsam bekämpfen? Wie kann in der Bündnisarbeit mit dem Widerspruch umgegangen werden, dass ein Großteil der revolutionären Bewegung die Tiere noch nicht als Teil der Ausgebeuteten erkannt hat? usw.
Eine revolutionäre Strategie für den Kampf für Tierbefreiung lässt sich sicherlich nicht von heute auf morgen entwickeln. Wir denken aber, dass es notwendig ist, spätestens jetzt mit der Arbeit daran zu beginnen. Denn die Befreiung der Tiere ist entweder Teil des Klassenkampfes oder sie ist keine.

Mehr von und über die Tierrechtsgruppe Zürich gibt es unter: www.tierrechtsgruppe-zh.ch

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