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Heine und die Frauenemanzipation

geschrieben von Heidi Beutin


Im Jahre 1829 stellt Heinrich Heine die Frage: „Was ist … diese große Aufgabe unserer Zeit?“ Seine Antwort: „Es ist die Emanzipation.“ Er setzt hinzu: Nicht nur die der unterdrückten Völker, der Iren, Griechen, (Frankfurter) Juden, sondern die „der ganzen Welt …“ (3, 259)1 Fünfundzwanzig Jahre später wiederholt er in den „Geständnissen“ (1854) -; aber jetzt in der Vergangenheitsform, weil aus der Rückschau gesprochen: „… die Emanzipation des Volkes war die große Aufgabe unseres Lebens …“ (7, 121)

In der deutschen Sprache der Gegenwart werden die Bemühungen größerer Kollektive (Völker, Klassen, Nationalitäten), sich zu befreien, nicht mehr als „Emanzipation“, sondern als „Befreiungsbewegungen“ bezeichnet. Unstrittig gab es diese bereits in der Vergangenheit vor Heine, in der Menschheitsgeschichte seit Spartacus. Er notiert, dass Schiller und Goethe „große Emanzipationsgeschichten“ zu ihren Themen wählten (5, 50); keine anderen als die historischen Befreiungsbewegungen und -kämpfe. Dass Heines „Emanzipation“ wirklich dem heutigen Begriff „Befreiungsbewegung“ oder „-krieg“ entspricht, geht auch aus den Stellen hervor, wo er vom „Befreiungskrieg der Menschheit“ schreibt (3, 259), vom „heiligen Befreiungskriege der Menschheit“ (3, 261) und davon, dass man ihm nach seinem Tode ein Schwert „auf den Sarg legen“ möge, „denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit“ (3, 265).

In der gegenwärtigen politischen Diskussion und politologischen Terminologie bleibt der Begriff der Emanzipation im Wesentlichen der Bemühung des weiblichen Geschlechts, sich von der Vorherrschaft des männlichen zu befreien, vorbehalten. Außerdem wurde er seit langem benutzt, um die Bestrebungen einzelner Frauen, ihren selbstbestimmten Weg zu gehen, zu kennzeichnen. Es fragt sich, ob sich Heines Emanzipationsbegriff nur mit dem neueren der „Befreiungsbewegung“ (als Bestrebung der Völker, Klassen usw.) deckt oder ob er die Emanzipation des weiblichen Geschlechts und einzelner Frauen ebenfalls mit umfasst.

Um 1830 stand die Frauenemanzipation schon seit etwa einer Generation auf der Tagesordnung. Von Anfang an war sie verbunden mit der Frage nach der postulierten Rolle der Frau, nach deren tatsächlicher Position in Familie und Gesellschaft, nach dem Willen und Wunsch der Frau, eine bestimmte Rolle in Familie und Gesellschaft auszufüllen bzw. nach ihrer Weigerung, dies länger zu tun. Die Antwort einzelner Autoren und Autorinnen hing eng zusammen damit, welches jeweilige Frauenbild ein Autor und eine Autorin entwarfen. Es kam zu einer heftigen Diskussion über die Rolle der Frau: Durfte die Emanzipationsforderung überhaupt erhoben werden, konnte es künftig so etwas geben wie die Emanzipation der Frau, musste man nicht von vornherein alle Ansätze dieser Art unterdrücken? Im Zusammenhang damit entstand die Ansicht, wonach ein unaufhebbarer Gegensatz der Geschlechter vorhanden sei, ein ewiges Streiten in der Ehe und außerhalb ihrer, das von Zeit zu Zeit in regelrechte Kämpfe mündete mit dem Verlangen des einen Geschlechts, die Angehörigen des jeweils anderen niederzuhalten, kurz: der Kampf der Geschlechter. Es ergab sich ein Junktim von Frauenbild, der Forderung nach Frauenemanzipation -; sollte man diese unterstützen oder ablehnen? -; und von Geschlechterkampf -; war die Frauenemanzipation dessen Bestandteil oder umgekehrt der Weg, jenen aufzuheben?

Die Forschung der Gegenwart lässt keinen Zweifel, dass Heine zu den progressivsten Autoren seiner Epoche zählt, der deutschen Literaturgeschichte überhaupt. Allerdings gibt es in seinem Werk eine Dimension, die sich nicht verkennen lässt, aber deren Vorhandensein Schwierigkeiten verursacht: des Dichters Frauenbild. Es ist doch nicht so, wie es im überschwang der Begeisterung 1997 in einem Artikel hieß: „Die getreuliche, präzise Beschreibung einer ganzen Liebeswelt macht Heines Lyrik einzigartig … keine Spur von jener Weibsverachtung, die das bürgerliche Hohelied so oft durchzieht.“2 Damals war im Gegenteil längst festgestellt, dass sich bei Heine in die Beschreibung unablässig eine gehörige Menge männlicher Vorurteile einschleicht und wenn vielleicht auch keine Spur von Verachtung, so doch eine unleugbare Zwiespältigkeit: Viele Frauen sind Männervernichterinnen. So ist die Rheinnixe Lorelei in Heines Werk nur eine unter vielen Frauen, die den Männern Leid zufügen, ihnen den Tod bereiten, auch angesichts ihres -; manchmal entsetzlichen -; Todes lachend dabeistehen. Daher beschrieb Gerhard Höhn die erotische Konzeption in Heines berühmtester Gedichtsammlung, dem „Buch der Lieder“ (1827), unter der überschrift: „Die Spinx und ihr Opfer“. Es entstehe das „Bild der Geliebten als eines gefährlichen und grausamen Wesens, das ihr Opfer nicht nur elend macht, sondern auch verletzt, zerreißt und regelrecht zugrunde richtet -; als einer „femme fatale“, die ihre zerstörerische Kraft noch genießt … Sie wird als Nixe und Meerfrau dämonisiert … und erscheint dann in der Vorrede von 1839 als Sphinx, ein „Zwitter von Schrecken und Lüsten“, der wie ein Vampir sein Opfer „zerfleischend“ umschlingt, um ihm sein Leben auszusaugen … Liebe besitzt nichts sittlich Veredelndes mehr; die Geliebte hat ihre Humanität zugunsten von Dämonie verloren …“3

Bei der Interpretation von Shakespeares Cleopatra schrieb Heine: „Diese Cleopatra ist ein Weib. Sie liebt und verrät zu gleicher Zeit.“ (5, 497) Es klingt, als sei die ägyptische Königin Typus „des“ Weibes, ihr Handeln das „der“ Frau, das in Bezug auf den Mann nie anders sein kann als ambivalent. Hans Kaufmann deutete die Hervorhebung der Inhumanität in der Liebe, aber auch im Vollzug der Ehe als Indikator für das Defizit an Menschlichkeit in den allgemeinen Beziehungen zwischen den Menschen in der ära, in der Heine lebte. „Wenn dies aber der getreue Ausdruck eines wirklich herrschenden Verhältnisses ist und wenn sich, wie Marx sagt, aus dem Verhältnis der Geschlechter zueinander ‚die ganze Bildungsstufe des Menschen beurteilen’ lässt, so zeigt das Barometer der ‚lieblosen’ erotischen Dichtung Heines den geringen Grad wirklich realisierter Humanität an, der die bürgerliche Gesellschaft kennzeichnet.“4

Der Blick auf andere Schriften desselben Autors, auf die Darstellung von Frauen bestimmter Gruppen, etwa der Unterschicht (den in der Forschung so genannten „Volksweibern“), der Schriftstellerinnen und der Göttinnen, erlaubt jedoch einen abweichenden Befund: Neben der als typisch zu deutenden dämonisierenden Frauenzeichnung liefert Heine auch eine realistische, stark individualisierende, worin anders als in den von Ambivalenz geprägten Texten ein ungespaltenes Frauenbild entworfen wird.5 Es ist in seinem Werk daher mehr als ein Frauenbild vorhanden, nämlich eine erhebliche Fülle von weiblichen Gestalten, die man grob wie folgt klassifizieren kann: historische und fiktive (dichterische) Figuren, z. B. Cleopatra -; supernaturale weibliche Gestalten: Göttinnen und Fabelwesen, etwa Venus, Diana, Lorelei -; mythologische Figuren aus der Religionsgeschichte: Eva, Judith, Maria u. a. Ferner: reale Personen; diese letztgenannte Gruppe wäre noch wieder zu unterteilen: die Mätressen, Loretten, Prostituierten -; Frauen bestimmter Nationalität, z. B. Polinnen, Italienerinnen -; Künstlerinnen und literarische Freundinnen Heines -; Frauen in der Biographie Heines (durchaus in seinen Texten namentlich erwähnt): Verwandte, seine Ehefrau.

Es gibt nicht viele Passagen in Heines Werk, in denen die Frau als Unterdrückte erscheint, als Opfer des Mannes, sondern meistens ist es umgekehrt: der Mann erscheint als der schwächere, der erbarmungswürdige; er fällt dem gnadenlosen Lug und Trug der Frau zum Opfer. Schon in der Literatur der Antike, des Mittelalters und der frühen Neuzeit war es gebräuchlich, Listen der prominenten Männer aufzustellen, die den Anschlägen berühmter, meist anrüchiger Frauen erlagen: „Wer hat zuerst vom Apfel der Sünde gegessen? Gänse haben das Kapitol gerettet, aber durch ein Weib ging Troja zugrunde. … Wer hat den Marcus Antonius ins Verderben gestürzt? Wer verlangte den Kopf Johannis des Täufers? Wer war Ursache von Abælards Verstümmelung? Ein Weib! Die Geschichte ist voll Beispiele, wie wir durch euch zugrunde gehn.“ (4, 103) Die Leserschaft mag schließen: Es wäre lächerlich, wollte sich angesichts solch furchtbaren Ruins namhafter Helden jemand für die Notwendigkeit der „Emanzipation“ von Frauen, der Verderberinnen von Angehörigen des männlichen Geschlechts starkmachen.

So ist es in Bezug auf Heines Lyrik und Prosa kaum jemals die erste Frage, ob eine Frau, ein Mädchen, eine Geliebte unfrei oder frei ist, autonom oder abhängig, emanzipiert oder unterdrückt. Es sind andere Probleme, die in den Texten in den Gesichtskreis der Leserschaft gerückt werden, z. B. die sonderbare Spekulation über den Charakter der Weiber -; haben sie einen? Oder keinen? Oder einen wechselnden? (Das erinnert an die Debatten der Kirchenväter des Mittelalters darüber, ob Frauen eine Seele haben.) In seiner Schrift „über Polen“ bestreitet Heine die Ansicht, sie hätten keinen Charakter, und vertritt die Auffassung: „Sie haben vielmehr jeden Tag einen andern.“ Er wolle diesen „immerwährenden Wechsel des Charakters … durchaus nicht tadeln. Es ist sogar ein Vorzug.“ Ein Charakter entstehe „durch ein System stereotyper Grundsätze“. Seien diese irrig, so würde das Leben desjenigen, der daran hängt, „nur ein großer, langer Irrtum“, was man oft „Charakter haben“ nenne oder auch „Konsequenz“; es sei aber bloß „moralische Selbstunterjochung“. Sie fände sich fast ausschließlich bei Männern; „im Geiste der Frauen bleibt immer lebendig und in lebendiger Bewegung das Element der Freiheit“ (3, 572).

In der irdischen Realität bewähren sich bestimmte Gruppen von Frauen, darunter die in der Forschung so titulierten „Volksweiber“. Ihnen begegnet Heine in großer Zahl auf seinen Reisen. So beobachtet er in Brixen eine „Aufwärterin“ (Kellnerin). Ein Geistlicher -; der Dichter nennt ihn „ein ganz gewöhnliches Vieh Gottes“ -; und ein Adliger bedrängen sie. „Dabei rissen sie ihre rohesten Zoten …“ Zuerst macht sie sich mit Gewalt los, dann eilt sie zur Gaststube hinaus, um nach einigen Minuten zurückzukehren, nunmehr mit einem kleinen Kinde auf dem Arm -; eine noble Weise, um anzudeuten, dass sie sich jede Art der Belästigung verbitte (3, 214). In Ala bedrängt „ein vierschrötiger Kerl mit einem brüllenden Mordgesicht“ eine junge Frau, die ihm jedoch Widerstand leistet, ein Küchenmesser in der Hand, mit dem sie ihn niederzustechen droht (3, 239 f.).

In Heines berichtenden Texten, von den früheren bis hin zu den „Geständnissen“, kommt er immer wieder auf Künstlerinnen seiner Zeit zu sprechen, u. a. Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen und Musikerinnen. Unter den Schriftstellerinnen am ausführlichsten auf George Sand.6 Sein Porträt gipfelt in dem Satz: „George Sand, die größte Schriftstellerin, ist zugleich eine schöne Frau.“ (6, 280) Eine vollkommen negative Beurteilung erfährt hingegen Frau von Staël, die Gegnerin Napoleons. (Hier macht sich Heines Bonapartismus bemerkbar.) „Mit dem Kochlöffel des Hasses rührte das Weib herum in dem fatalen Topfe, worin zugleich das Unglück der ganzen Welt gekocht wurde.“ (7, 107) Vielleicht am bezeichnendsten ist, dass er zur Charakterisierung der ihm suspekten Autorin zur Metapher des Kochtopfs und Kochlöffels griff, so als sei die Küche, gar die Hexenküche der angestammte Platz des Weibes. Sehr anrührend ist die Schilderung seiner ersten Liebe, der Liebe zu Josepha oder dem „roten Sefchen“, die er in den „Memoiren“ beschreibt. Sie war die Tochter des Scharfrichters und wusste, wie er betont, „viele alte Volkslieder und hat vielleicht bei mir den Sinn für diese Gattung geweckt“ (7, 232). Er küsste sie „nicht bloß aus zärtlicher Neigung, sondern auch aus Hohn gegen die alte Gesellschaft und alle ihre dunklen Vorurteile, und in diesem Augenblick loderten in mir auf die ersten Flammen jener zwei Passionen, welchen mein späteres Leben gewidmet blieb: die Liebe für schöne Frauen und die Liebe für die französische Revolution …“ (7, 239). Wie bereits der flüchtige überblick über die Vielzahl geschilderter Frauen erweist, steht also nicht nur das Szenario „Die Sphinx und ihr Opfer“ auf dem Spielplan.

Derselbe Dichter, in dessen Lyrik die Frau häufig als Sphinx erscheint und als Verräterin ihres Geliebten, reflektiert an anderer Stelle differenziert über die „große Frauenfrage“. Er berichtet über den Prozess der Marie-Fortunée Lafarge, die des Mordes an ihrem Mann angeklagt worden war. Dieser Gerichtsfall sei „ein wichtiges Aktenstück …, wenn man sich mit der großen Frauenfrage beschäftigt, von deren Lösung das ganze gesellschaftliche Leben Frankreichs abhängt. Die außerordentliche Teilnahme, die jener Prozess erregt, entspringt aus dem Bewusstsein eignen Leids.“ (6, 340) Es gab die Ansicht, der Ehemann, dessen Ermordung der Ehefrau zur Last gelegt wurde, „habe, um sich durch ein Heiratsgut vom Bankerotte zu retten, mit betrügerischen Vorspiegelungen das edle Weib gleichsam gestohlen …“ (6,339) Heine beendet den Bericht mit einer Anrede an die Frauen: „Ihr armen Frauen, ihr seid wahrhaftig übel dran. Die Juden in ihren Gebeten danken täglich dem lieben Gott, dass er sie nicht als Frauenzimmer zur Welt kommen ließ. Naives Gebet von Menschen, die eben durch Geburt nicht glücklich sind, aber ein weibliches Geschöpf zu sein für das schrecklichste Unglück halten! Sie haben recht, selbst in Frankreich, wo das weibliche Elend mit so vielen Rosen bedeckt wird.“ (6, 340) Die Formulierung: „durch Geburt nicht glücklich“ verweist einmal schon auf die Sonderstellung des jüdischen Bevölkerungsanteils in den europäischen Ländern, der außer in Frankreich sonst nirgends emanzipiert war, und dann auch auf die ähnlichkeit jüdischen Schicksals mit dem der Frauen, deren Emanzipation überall noch ausstand. Das Adjektiv „groß“ vor dem Begriff „Frauenfrage“ findet seine Erklärung in der Ergänzung: „von deren Lösung das ganze gesellschaftliche Leben Frankreichs abhängt“. In Heines Werk existiert an anderer Stelle eine abermalige Aussage, wonach der Zustand der Gesellschaft aus der Verwirklichung eines bestimmten Prinzips resultiert. Er rühmt das „Gesellschaftsleben“ in Frankreich: „… dessen erste und letzte Bedingung, ja dessen Seele ist: die Gleichheit.“ (3, 417) Gleichheit ist eine der drei berühmten Parolen der französischen Revolution und der wichtigste Schlüssel zu Heines Gedankenwelt. Von der Verwirklichung der Gleichheit hängt das ganze französische Gesellschaftsleben ab. Und anderseits: „das ganze gesellschaftliche Leben“ hängt von der Lösung der „großen Frauenfrage“ ab. -; Darf die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die Lösung der Frauenfrage in der Herstellung der (rechtlichen und ökonomischen) Gleichheit der Frau bestehe, in ihrer Gleichberechtigung?

Mit seinen zitierten äußerungen (aus dem Jahre 1840) nahm Heine an den in der Forschung so bezeichneten „Geschlechterdebatten“ teil, die von den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts in das erste des 19. hinüberreichten und insgesamt eine Art gedankliches Vorspiel zu der in der Mitte des Jahrhunderts einsetzenden Frauenbewegung bildeten. Eine Generation vor Heine gab Theodor Gottlieb von Hippel an, dass der Frau ursprünglich dieselben Menschenrechte zugestanden hätten wie dem Manne; sie seien ihr nur geraubt worden: „Soll es denn aber immer mit dem andern Geschlechte so bleiben, wie es war und ist? Sollen ihm die Menschenrechte, die man ihm so schnöde entrissen hat, sollen ihm die Bürgerrechte, die ihm so ungebührlich vorenthalten werden -; auf ewig verloren sein?“7 Heines äußerung von der „großen Frauenfrage“ lässt sich ohne Schwierigkeit hier anschließen. Sie steht innerhalb des epochalen Kontextes, mit dem sich bedeutende Autorinnen (wie George Sand) und Autoren seiner Zeit (etwa Stendhal) befassten, und ist eine der beiden wichtigen Aussagen des Dichters dazu. Aus demselben Jahr 1840 gibt es eine weitere wichtige Erläuterung Heines. Darin befasst er sich mit dem französischen Theater, das „reich an Schauspielerinnen vom höchsten Wert“ sei: „Große, außerordentliche Talente bewundern wir, die sich hier um so zahlreicher entfalten konnten, da die Frauen durch eine ungerechte Gesetzgebung, durch die Usurpation der Männer, von allen politischen ämtern und Würden ausgeschlossen sind und ihre Fähigkeiten nicht auf den Brettern des Palais Bourbon und des Luxembourg geltend machen können.“ (6, 275 f.).

Dieser eine einzige Satz Heines enthält drei Feststellungen von grundlegender Bedeutung: (1.) Die in der Zeit, als er niedergeschrieben wurde, bestehende Gesetzeslage verletzt das Recht der Frauen. (2.) Sie verletzt auch die Gerechtigkeit und ist in Wahrheit gewalttätiger Anmaßung der Männer entsprungen. (3.) Mangels jeglicher Möglichkeit, politisch zu wirken, etwa im Parlament (Abgeordnetenkammer, Oberhaus), sieht sich die Frau, sofern sie sich in der öffentlichkeit betätigen möchte, auf die Bühne verwiesen.

Diese überlegung -; eine Bühnenlaufbahn als Surrogat verbotener öffentlicher Aktivität -; konnte Heine schon in Goethes Schriften finden, wo sie Wilhelm Meister vorträgt: Die gesellschaftliche Verfassung bedingt, dass im 18. Jahrhundert nur dem Adligen erlaubt ist, sich zum ganzen Menschen auszubilden -; dem Bürger ist es in der Regel verwehrt. Nur der Aristokrat vermag sich in der öffentlichkeit zu bewegen -; dem Bürger ist in der Regel auch das verwehrt. Wilhelm Meister gesteht seinen „Trieb …, eine öffentliche Person zu sein und in einem weitern Kreise zu gefallen und zu wirken“, wozu noch seine Neigung zur Dichtkunst komme. „Du siehst wohl, dass das alles für mich nur auf dem Theater zu finden ist, und dass ich mich in diesem einzigen Elemente nach Wunsch rühren und ausbilden kann.Auf den Brettern erscheint der gebildete Mensch so gut persönlich in seinem Glanz, als in den obern Klassen …“8 Weil sie in der öffentlichkeit benachteiligt werden, so argumentiert Heine, haben die Frauen nur zwei Möglichkeiten, aus der Umzäunung auszubrechen: das Theater und das Bordell. (6, 276 f.)

Wann entstand die Ansicht, wonach ein unaufhebbarer Gegensatz der Geschlechter vorhanden sei, ein ewiges Streiten in der Ehe und außerhalb ihrer, ein fortwährender Kampf der Geschlechter? Ist das eine richtige Lehre oder eine falsche, ein Ideologem? Woher stammt sie? Und wie verhält sie sich zur Forderung der Befreiung der Frau, zur Emanzipation? Die Ansicht, dass es einen unausrottbaren Kampf der Geschlechter gäbe, einen ewigen, wurde in der wissenschaftlichen Literatur noch bis weit hinein ins 20. Jahrhundert vertreten. Die Mehrzahl von Behauptungen, er sei aus der Geschichte der Menschheit nicht fortzudenken, entstammt der Literatur um 1900, was auffällig ist: Vorher scheint die Lehre sporadisch, hier und da aufzutreten, seit die Bemühungen für die Emanzipation -; zunächst nur vereinzelt -; einsetzen, nämlich um 1800, und sie scheint verstärkt die Köpfe der Schriftsteller -; und sogar auch Schriftstellerinnen -; zu beschäftigen zu dem Zeitpunkt, als nicht mehr nur vereinzelte Bemühungen um die Frauenbefreiung zu registrieren waren, sondern als eine kräftige Bewegung zur Befreiung der Frau auf den Plan trat (von einigen hervorragenden Männern unterstützt, darunter August Bebel). Das ereignete sich in Deutschland im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, und ähnlich in den meisten Ländern des Westens. Gehört diese Lehre, wonach in der Physis der Menschen, daher immer auch in ihrer Geschichte, der Geschlechterkampf verankert wäre, insofern in die Strategie des männlichen Geschlechts, um die Emanzipationsbemühungen zurückzudrängen und zunichte zu machen? Ideologisch zunächst, und die ideologischen Vorbehalte konnten dann ausgenutzt werden, um jurisdiktionelle und administrative Maßnahmen gegen die Frauenbewegung und einzelne Frauen zu ergreifen. Hierzu zählten die ungerechte Gesetzgebung, Kriminalprozesse gegen einzelne Frauen (wie sie Karl Kraus um 1900/10 mit großer Schärfe analysierte und kritisierte), antifeministische Kampagnen, Verbote, Zurücksetzungen u. v. a. m. Eine extrem reaktionäre Ausrichtung des Ideologems findet sich im Schrifttum von Friedrich Nietzsche. Ein Mann mit „Tiefe“ werde über das Weib „immer nur orientalisch denken“: „das Weib als Besitz, als verschließbares Eigentum, als etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes …“9 Entsprechend verquer definierte er die Liebe: „Die Liebe, in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter …“10 Dass dem Ideologem vom Geschlechterkampf, neben einer Funktion bei der Abwehr der weiblichen Emanzipationsbestrebungen, in derselben Epoche eine weitere zugedacht war, kann man einer Replik in August Strindbergs Drama „Der Vater“ entnehmen, vielleicht demjenigen Werk der Literaturgeschichte, das dem Geschlechterkampf den stärksten Ausdruck verleiht. Laura, die Ehefrau des Rittmeisters, spricht zu ihm: „Die Mutter war dein Freund, aber das Weib war dein Feind, und die Liebe zwischen den Geschlechtern ist Kampf.“ Diese Sicht kommentiert daraufhin der Angesprochene: „Es ist also eine Art Rassenhass.“11 In der Zeit vor und nach 1900 propagierten bürgerliche Ideologen die Ansicht vom „Kampf der Rassen“12, mit der sie sich der marxistischen Philosophie und Praxis der Arbeiterbewegung entgegenstellten, vor allem dem historisch nachweislichen und in der Moderne vor aller Augen geführten Klassenkampf. Als eine Art Parallele zum fabulierten „Rassenkampf“ instrumentalisierte man die Fabel vom „Geschlechterkampf“, auch sie, um ein weiteres Mittel zur Hand zu haben, den Klassenkampf in seiner primären Bedeutung herabzusetzen. Dass in der sozialen Wirklichkeit, betrachtete man sie ohne Voreingenommenheit, zumindest in den „niederen“ Schichten kein Geschlechterkampf existierte, wohl aber der gemeinsame, solidarisch geführte Kampf gegen Not und ums Brot, zeigt der Blick auf die Vorgänge in der deutschen Arbeiterbewegung während des sogenannten „Sozialistengesetzes“ (1878-1890), als proletarische Frauen und Männer -; ob innerhalb der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, ob außerhalb -; in enger Verbundenheit, wenn auch verständlicherweise niemals ohne Probleme im Zusammenleben, die Unrechts- und Zwangsmaßnahmen, die der Staat ihnen oktroyierte, erfolgreich abwehrten.

Es waren nicht nur in der Wolle gefärbte frauenfeindliche Autoren, die den Geschlechterkampf als Motiv in ihre Schriften einführten. Heinrich Heine räumte ein, ohne Frauenliebe nicht existieren zu können, und er lieferte einen hymnisch eingefärbten Exkurs zum Lobpreis der Liebe, der in der Erkenntnis gipfelt: „Sie ist die höchste und siegreichste aller Leidenschaften.“ Würde man aber nach dem Ende der ersten Liebe zum zweiten Mal von ihr erfasst, „liegt uns der Gedanke im Sinne, dass unsere wildesten und herrlichsten Gefühle sich mit der Zeit in eine zahme Lauheit verwandeln ...“, da wir „denken und aus Erfahrung wissen, dass die hochpoetischen heroischen Leidenschaften ein so kläglich prosaisches Ende nehmen!“ (5, 536 f.) Als besonders kläglich empfindet er das Versanden der Leidenschaft in der Ehe. In seiner eigenen Ehe hatte der Dichter, wie er einmal 1843 schrieb, „in entsetzlichster Mischung“ Konträres zu erleben (9, 114). „Dieses eheliche Duell, welches nicht eher aufhören wird, bis einer von uns beiden getötet, ist gewiss gefährlicher als der kurze Holmgang mit Salomon Strauß aus der Frankfurter Judengasse!“ (9, 83) Das „eheliche Duell“ ist als eine Ausprägung des Geschlechterkampfs zu verstehen, eine Variante davon, mit Ersetzung des Terminus „Kampf“ durch den verwandten des „Duells“.

Im zweiten der „Briefe über die französische Bühne“ äußert sich Heine ausführlich und sehr prinzipiell über den Kampf der Geschlechter: „Ich habe schon erwähnt, dass die Hauptmotive des französischen Lustspiels nicht dem öffentlichen, sondern dem häuslichen Zustande des Volkes entlehnt sind; und hier ist das Verhältnis zwischen Mann und Frau das ergiebigste Thema.Wie in allen Lebensbezügen, so sind auch in der Familie der Franzosen alle Bande gelockert und alle Autoritäten niedergebrochen. Dass das väterliche Ansehen bei Sohn und Tochter vernichtet ist, ist leicht begreiflich, bedenkt man die korrosive Macht jenes Kritizismus, der aus der materialistischen Philosophie hervorging. Dieser Mangel an Pietät gebärdet sich noch weit greller in dem Verhältnis zwischen Mann und Weib, sowohl in den ehelichen als außerehelichen Bündnissen, die hier einen Charakter gewinnen, der sie ganz besonders zum Lustspiele eignet. Hier ist der Originalschauplatz aller jener Geschlechtskriege, die uns in Deutschland nur aus schlechten übersetzungen oder Bearbeitungen bekannt sind und die ein Deutscher kaum als ein Polybius, aber nimmermehr als ein Cäsar beschreiben kann. Krieg, freilich, führen die beiden Gatten, wie überhaupt Mann und Weib, in allen Landen, aber dem schönen Geschlechte fehlt anderswo als in Frankreich die Freiheit der Bewegung, der Krieg mußss versteckter geführt werden; er kann nicht äußerlich, dramatisch, zur Erscheinung kommen.Anderswo bringt es die Frau kaum zu einer kleinen Emeute, höchstens zu einer Insurrektion. Hier aber stehen sich beide Ehemächte mit gleichen Streitkräften gegenüber und liefern ihre entsetzlichsten Hausschlachten.“ (6, 19)

Darin stecken mehrere Behauptungen: (1.) Der Geschlechterkampf ist in allen Ländern Realität, aber nicht überall in derselben Weise. (2.) Außerhalb Frankreichs hat die Frau eine eingeengte Position, kann den Kampf nicht offen führen, sondern lediglich als Meuterei oder Aufstand, nur in Frankreich als Krieg mit etwa gleichen Kräften. (3.) Aus der materialistischen Philosophie (des 18. Jahrhunderts) ging der Kritizismus mit seiner auflösenden Tendenz hervor, der die Stellung des Familienvaters unterminierte, aber stärker noch die des Mannes in seiner Beziehung zur Frau. In den häuslichen Verhältnissen drückt sich der Auflösungsprozess als „Mangel an Pietät“ aus. (4.) In Frankreich können auf dem Theater, im Lustspiel, die „Geschlechtskriege“ mit ihren Einzelheiten besichtigt werden.

Ganz gewiss wollte Heine nicht den Geschlechterkampf als das primäre Faktum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen ausgeben, so wenig er etwa in der Menschenwelt einen „Kampf der Rassen“ erblickte. Energisch lehnte er den im Vormärz (1815-1848) aufkommenden Rassismus ab: „Wir aber sind keine altdeutsche (!) Rassenmäkler, wir betrachten die ganze Menschheit als eine große Familie, deren Mitglieder ihren Wert nicht durch Hautfarbe und Knochenbau, sondern durch die Triebe der Seele, durch ihre Handlungen offenbaren.“ (5, 395) Er war es, der als einer der ersten die Klassenkämpfe seiner Zeit beobachtete, der sie scharf analysierte und in seinen Schriften bis auf den Grund verständlich zu machen suchte.Was bedeutet es daher, dass er das Ideologem vom Geschlechterkampf aufnahm und schriftlich verbreitete?

Hier kann die Bemerkung von Hans Kaufmann in Erinnerung gerufen werden, es zeige „das Barometer der „lieblosen“ erotischen Dichtung Heines den geringen Grad wirklich realisierter Humanität an, der die bürgerliche Gesellschaft kennzeichnet“. Wenn man will, kann man Heines Bild der dämonischen Frau, wie es besonders in der Lyrik oft vorkommt, und das von ihm wiederholt ausgemalte Szenario „Die Sphinx und ihr Opfer“ in Verbindung mit dem Geschlechterkampf sehen, das Szenario vielleicht als dessen radikale Steigerung. Den „geringen Grad wirklich realisierter Humanität“ wahrnehmend, aber ohne zu erfassen, dass er eine Folge gesellschaftlicher Missstände sei, leitete Heine ihn fälschlich u. a. aus der „Natur“ der Frau ab, als biologisch gegebenes, daher unabänderliches Faktum, das jegliches Zusammenleben der Angehörigen der Geschlechter für alle Zeit verunstalte.

Waren die Missstände im Kern aber gesellschaftliche, so konnten sie durch kollektives Handeln, eine Humanisierung der Gesellschaft auch abgeändert werden. Zu den humanisierenden Mitteln gehörte zweifellos, im Einklang mit der Emanzipation der Menschen aller Klassen, Rassen und Gruppen, auch die der Frau. Mit seiner Emanzipationsforderung wies Heine selber den Weg, die Humanitätsdefizite aufzuheben. Nur stellte er nicht überall, wo er von der Dämonie der Frau, der Sphinx, sprach und wo er den Geschlechterkampf als gesellschaftliches Faktum beschrieb, auch sogleich die Verbindung her zu seiner Emanzipationsforderung -; zur Einsicht, dass die Vollendung der Emanzipation die Auflösung des dämonisierten Frauenbilds ebenso wie das Verschwinden des Geschlechterkampfs mit sich bringen musste. Mehrmals in seinem Werk eröffnete er die Perspektive auf eine Welt, in der kein Angehöriger der „größeren und ärmeren Klasse“ mehr zu darben braucht und alles sein eigen nennt, was er zu seinem Lebensunterhalt benötigt. Dazu wäre nur eine einzige Bedingung zu erfüllen: „wenn wir alle arbeiten und nicht einer auf Kosten des anderen leben will“. Dann sollte auch der Mann nicht mehr auf Kosten seiner Frau leben wollen, und das männliche Geschlecht nicht mehr kraft Usurpation das weibliche ausbeuten.

Dann würde das männliche Geschlecht auch keine „männliche Weiblichkeitsmythologie“ mehr entwickeln, in der die Frau als „Sphinx“ erschiene, die den Mann ruiniert. Dann wären zwar sicher nicht alle Streitigkeiten zwischen Männern und Frauen beendigt, doch aber die Phantasien vom großen Geschlechterkampf obsolet. Dann träte wirklich der Zustand vollendeter Humanität ein, den Heine einmal wie folgt skizziert:

„Wir haben die Lande gemessen, die Naturkräfte gewogen, die Mittel der Industrie berechnet, und siehe, wir haben ausgefunden: dass diese Erde groß genug ist; dass sie jedem hinlänglichen Raum bietet, die Hütte seines Glückes darauf zu bauen; dass diese Erde uns alle anständig ernähren kann, wenn wir alle arbeiten und nicht einer auf Kosten des anderen leben will; und dass wir nicht nötig haben die größere und ärmere Klasse an den Himmel zu verweisen.“ (5,126)

1 Ich zitiere nach: Heinrich Heine.Werke und Briefe in zehn Bänden, hg. von H. Kaufmann, Berlin 1961/64 (im Text mit Angabe von Band und Seitenzahl).
2 E. Schmitter, (Artikel:) Magen und Herz. Der Liebende Heinrich Heine (…), in: Die Zeit, 31. 1. 1997, S. 57
3 Heine-Handbuch. Zeit, Person,Werk, Stuttgart 1987, S. 53 f.
4 Hans Kaufmann, Heinrich Heine. Geistige Entwicklung und künstlerisches Werk, 2.Aufl. Berlin etc. 1970, S. 179.
5 Vgl. dazu meinen Aufsatz: Und küsse die Marketenderin! -; Frauen in Heines Werk von den „Volksweibern“ über die Dichterinnen zu den Göttinnen. Erscheint 2006 in den Pankower Beiträgen im (Heft mit den Referaten der Heine-Tagung, die am 4. März 2006 von der Hellen Panke veranstaltet wurde).
6 Näheres zu Heines Schilderung von George Sand: in meinem in Anm. 5 verzeichneten Beitrag.
7 In seiner Schrift: über die bürgerliche Verbesserung der Weiber, Auszug in: Sigrid Lange (Hgin.), Ob die Weiber Menschen sind. Geschlechterdebatten um 1800, Leipzig 1992, S. 140.
8 Goethes Sämmtliche Werke. Mit Einleitungen von Karl Goedeke, 10 Bde., Stuttgart 1885; hier: 4,681 f. -; Wie man sieht, hat auch Goethe den Klassenbegriff.
9 Werke in drei Bänden, hg. von Karl Schlechta, München o. J., 2,700 f.
10 In: Friedrich Nietzsches Werke des Zusammenbruchs, hg. von Erich F. Podach, Heidelberg 1961, S. 260.11 August Strindberg, Dramen, o. O. (rowohlt) 1960, S. 33 f.
12 „Nordische“ oder „germanische“ Menschen gegen „Welsche“, „Arier“ gegen Semiten, die Slawen als „Untermenschen“, Weiß gegen Schwarz, „die gelbe Gefahr“ usw.

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