Historischer Realismus ist kein nationaler Nihilismus
geschrieben von Beate Landefeld
Anmerkungen zu Domenico Losurdos Aufsatz in diesem Heft
„Die Anerkennung und die Verteidigung der Würde einer Nation sind völlig kompatibel mit der Anerkennung und Verteidigung der Würde der anderen Nationen“, schreibt Domenico Losurdo. Der Versuch, die Würde der deutschen Nation dadurch zu verteidigen, dass einige ihrer schlechtesten Züge als nicht original deutsch, sondern ursprünglich dem angloamerikanischen Raum entstammend dargestellt werden, fällt jedoch hinter diesen richtigen Anspruch zurück und verzerrt die Wirklichkeit zugunsten der Deutschen auf Kosten anderer Nationen.
Losurdo vergleicht die Intensität des Antisemitismus zwischen den Weltkriegen in Deutschland und den USA. Er zitiert den Philosophen Cohen, der 1915 „Deutschtum und Judentum innerlichst verbunden“ sieht und fährt dann fort:
Nicht einmal die Niederlage und der Versailler Vertrag zeigen eine radikale Wende an. In Bezug auf das Deutschland der zwanziger Jahre kann dieses Zeugnis von Leo Löwenthal von Interesse sein. „Wir haben immer mit einem gewissen Humor davon Kenntnis genommen, dass es in Frankfurt ein winziges Hotel gab… das hatte ein Schild „Juden nicht willkommen“ oder „Juden unerwünscht“. Dann gab es auch einen kleinen Badeort, Borkum bei Norderney, der für Antisemiten „reserviert“ war. Aber das Alles haben wir nicht ernst genommen… von einer Art Antisemitismus, die es einem unmöglich macht, in bestimmte Restaurants, Hotels oder Clubs zu gehen, habe ich erst hier in Amerika erfahren.“ Noch 1933 verspürt Spengler das Bedürfnis, mit diesen Worten seine Einstellung den Juden gegenüber zu formulieren: „Aber wenn hier von Rasse die Rede ist, so ist das nicht in dem Sinne gemeint, wie er heute unter Antisemiten in Europa und Amerika Mode ist, darwinistisch, materialistisch nämlich.“ Das heißt, nicht nur für den Autor jüdischer Herkunft, der der Frankfurter Schule nahestand, sondern auch für einen reaktionären und judeophoben Aktivisten erschien der in den Vereinigten Staaten wütende Antisemitismus übertrieben oder vulgär biologistisch.
Angesichts der Tatsache, dass nur wenige Jahre später nicht in den USA, sondern in Deutschland die fabrikmäßige Massenvernichtung von Juden und Oppositionellen organisiert wurde, fragt sich, was die zitierten Zeitzeugen belegen sollen. Das erste Zeugnis bezeugt nur, dass es viele deutsche Juden gab, die aufgrund ihrer Hochschätzung der deutschen Kultur den bevorstehenden Holocaust für unvorstellbar hielten, eine Illusion, die für manche, die die Möglichkeit gehabt hätten, rechtzeitig zu fliehen, lebensbedrohlich werden sollte. Gar nicht nachvollziehbar ist, dass der irrationale Antimaterialismus Spenglers im Jahr 1933, für den Amerika, Materialismus, Darwinismus, Marxismus, Bolschewismus und Judentum als gleichermaßen vulgär und „undeutsch“ gelten, einen gegenüber den USA schwächeren Antisemitismus in Deutschland belegen soll. Spengler mag kein Antisemit im biologistischen Sinn gewesen sein. Doch gilt die von ihm entwickelte Variante der Lebensphilosophie einem Georg Lukács dennoch als ein „unmittelbares Vorspiel zur Philosophie des Faschismus“.1
Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Chauvinismus sind vor und zwischen den Weltkriegen in allen imperialistischen Ländern virulente, geistige Strömungen. Sie mögen in Ländern mit Kolonialbesitz früher entstanden sein als in Deutschland, das bei der Aufteilung der Welt zu spät und zu kurz gekommen war. Koloniale Gewalt als einer der Geburtshelfer der ursprünglichen Akkumulation prägt die deutsche Geschichte weniger als etwa die spanische, holländische oder britische. Andererseits verleihen dem deutschen Kapitalismus/Imperialismus gerade sein Zu-Spät-Kommen und die historischen Umstände der Herausbildung des deutschen Nationalstaats einige spezifische Züge, die nicht nur einen Marxisten wie Lukács die Frage aufwerfen lassen, „was bedeutet die Hitlerzeit in der deutschen Entwicklung? Ist sie eine unglückselige Episode innerhalb eines – im wesentlichen – normalen nationalen Wachstums? Oder ist sie die letzte, zugespitzteste, paradoxe Folge einer gesellschaftlich-geschichtlich anomalen Evolution?“ Lukács neigt zum letzteren. Das ist nicht gleichbedeutend mit einer Huldigung dessen, was Losurdo als Mythenkonstrukt eines ewig vorherbestimmten deutschen Sonderwegs bezeichnet. Es ist die Ermahnung zu einer schonungslosen, realistischen historischen Analyse, anstelle von Beschönigung,Verharmlosung und der Neigung zur Selbstüberschätzung, leider alles nationale „Tugenden“, die noch wirksam sind, weil es starke gesellschaftliche Interessen gibt, die dies fördern.
Die deutsche Misere
Max Weber pflegte zu sagen, das nationale Unglück Deutschlands sei, „dass man noch nie einen Hohenzollern geköpft hat“.2 Die Besonderheit des deutschen Bürgertums ist, dass es im Gegensatz zu dem anderer Länder keine demokratische Revolution durchgeführt hat. Die Herausbildung des deutschen Nationalstaats erfolgt auf reaktionärem Wege. Demokratische Anläufe bleiben unvollendet oder scheitern. Schon in der Reformation und den Bauernkriegen, deren konsequenteste antifeudale Kraft nicht das städtische Bürgertum, sondern die Bauern sind, schlägt sich Luther, der den Anstoß gegeben hat, am Schluss auf die Seite der protestantischen Fürsten. Er ist es auch, der die für die Ideologie des deutschen Bürgertums in vielen späteren Phasen prägende Konzeption des Rückzugs auf die „Innerlichkeit“ in einer Schrift gegen die Bauernunruhen auf den Punkt bringt, indem er unterscheidet zwischen dem „inwendigen Menschen“, der „ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan“, und dem „auswendigen“, der „ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan„ sei.3 Anpassung an die Mächtigen gilt bis heute als deutsche „Tugend“. Ehemalige Mitläufer und Mittäter der Nazi-Diktatur, die sich nach 1945 als „innere Emigration“ ausgaben, konnten und können auf mehr Ansehen und Ehrerweisung der Deutschen rechnen, als etwa die aus Widerstand und Exil Zurückgekehrten.
Kleinstaaterei, Provinzialismus und territorialabsolutistische Fürstenmacht prägen für lange Zeit die deutsche Entwicklung und hemmen die Herausbildung kapitalistischer Produktionsmethoden. Mit dem Sturm und Drang und der deutschen Klassik entwickeln sich im 18. Jahrhundert literarische Bewegungen, die die bürgerlichen Ideale hochhalten. Die Zurückgebliebenheit der deutschen Verhältnisse korrespondiert mit der „Tiefe“ und dem hohen Abstraktionsniveau der deutschen Aufklärung. Lukács erscheint „die große deutsche Kultur von Lessing bis Heine (als) ein paradox-oppositionelles Gewächs: sie ist gegen Vergangenheit und Gegenwart gerichtet, sie kämpft für eine utopische Zukunft, deren Konturen nur sehr allmählich und sehr blass sichtbar werden können. Es ist kein Wunder, dass, als die französische Revolution und Napoleon zum erstenmal seit dem Bauernkrieg – freilich von außen, nicht von innen – die Frage der nationalen Einheit auf die Tagesordnung stellen, selbst die Größten nur zaghaft utopische, nicht realisierbare Antworten geben konnten: Goethe und Hegel erwarteten ‚vom großen Staatsrechtslehrer in Paris‘ eine Lösung, Scharnhorst und Gneisenau träumten von einer inneren geistigen Erneuerung Preußens.“4
Spätestens nach dem Scheitern der 1848er Revolution wird im geistigen Leben Deutschlands Zug um Zug der Irrationalismus dominant, der bürgerliche Humanismus zieht sich auf eine „machtgestützte Innerlichkeit“ (Thomas Mann) zurück.Viele seiner Vertreter passen sich der realen Entwicklung, der Reichseinigung von oben an, werden gar zu Bewunderern Bismarcks. Unter Wilhelm II verfolgt das imperialistische Deutschland die irreale, abgehobene Konzeption von Deutschland als führender Weltmacht. Von der deutschen Arbeiterbewegung, die nun zum Hauptträger von Humanität und Demokratie wird, kann Franz Mehring am Ende des 19. Jahrhunderts noch stolz sagen, was Losurdo zitiert, „Jahrhunderte deutscher Schmach“ würden durch die Tatsache ausgelöscht, dass die deutsche Sozialdemokratie den „Emanzipationskampf der modernen Arbeiterklasse … in der Vorhut führt“. Doch schon 1918 stellt Rosa Luxemburg im Vergleich zum rückständigen Russland, in dem die antifeudalen Aufgaben durch die Revolution 1917 gelöst werden, fest: „Nicht Russlands Unreife, sondern die Unreife des deutschen Proletariats zur Erfüllung der historischen Aufgaben hat der Verlauf des Krieges und der russischen Revolution erwiesen, und dies mit aller Deutlichkeit hervorzukehren, ist die erste Aufgabe einer kritischen Betrachtung der russischen Revolution.“5
Es muss nicht auf den weiteren Geschichtsverlauf eingegangen werden, um zu schlussfolgern:
• Der reale Verlauf der Geschichte des kapitalistischen Deutschland ist durch die Anliegen und Bestrebungen der humanistischen und demokratischen deutschen Traditionen nicht geprägt, da diese selten bis nie hegemonial im praktisch-politischen Sinn geworden sind.
• Die Reflexion dieses Zustands und des Leidens daran ist Teil des demokratischen geistigen Erbes, nicht nur der deutschen Linken, sondern auch des bürgerlichen Erbes, von Heines „Wintermärchen“ über Heinrich Manns „Der Untertan“ bis Thomas Manns „Dr. Faustus“.
• Sofern diese Reflexion in Resignation und angepasste Innerlichkeit führt, ist sie ambivalent und kann auch von der Gegenseite genutzt werden, erfordert also Auseinandersetzung.
• Die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen nationalen Traditionen ist noch kein nationaler Nihilismus, was Domenico Losurdo auch nicht behauptet.
• Sein Artikel zeigt aber auch nicht auf, wie das progressive nationale Erbe hegemonial gemacht werden kann gegen vorherrschende antiaufklärerische und irrationale Tendenzen sowie gegen seine Verfälschung durch die Gegenseite.
1 Georg Lukács, Von Nietzsche zu Hitler oder Der Irrationalismus
und die deutsche Politik.Ffm 1966, S. 150.
2 Ebenda, S. 16
3 Martin Luther,Von der Freiheit eines Christenmenschen.
1520.Zitiert nach: Joachim Streisand, Deutsche Geschichte
von den Anfängen bis zur Gegenwart. Köln 1972, S. 64
4 Lukács, S. 12
5 Rosa Luxemburg, Die russische Revolution. Ffm 1963, S. 47.
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