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Flucht aus der Geschichte?

 Die russische und die chinesische Revolution heute

Was der Autor vormals in zwei Flugschriften * unserer Zeitschrift „Marxistische Blätter“ um die Jahrtausendwende veröffentlicht hat, wurde von ihm überarbeitet, aktualisiert und erweitert. Grund für uns, daraus ein Taschenbuch zu machen. Denn sein Anliegen ist und bleibt für heutige Kommunisten hochaktuell: sich der eigenen Geschichte kritisch bilanzierend stellen und daraus neue Kraft für kommunistische Identität schöpfen. Dazu der Autor in seinem Vorwort:

„1818, mitten in der Restaurationszeit und zu einem Zeitpunkt, da das Scheitern der französischen Revolution offenkundig schien, gingen auch jene, die das 1789 Begonnene anfangs begrüßt hatten, auf Distanz: es war für sie nun ein kolossales Missverständnis oder, schlimmer, ein schändlicher Verrat edler Ideale. Müssen wir diese Verzweiflung heute zu der unseren machen, wobei dann nur 1789 durch 1917 und die „Sache der Freiheit“ durch die Sache des Sozialismus zu ersetzen wäre? Müssen sich die Kommunisten ihrer Geschichte schämen?

In der Geschichte verfolgter ethnischer oder religiöser Gruppen begegnet uns eine merkwürdige Erscheinung. An einem gewissen Punkt neigen auch die Opfer dazu, sich den Standpunkt der Unterdrücker zu eigen zu machen, und beginnen deshalb, sich selbst zu verachten und zu hassen… Doch das Phänomen des Selbsthasses betrifft nicht nur ethnische und religiöse Gruppen. Es kann auch bei sozialen Klassen und politischen Parteien nach einer schweren Niederlage auftreten, vor allem wenn die Sieger, sobald die eigentlichen Waffen beiseite gelegt oder in den Hintergrund getreten sind, an ihrer tödlichen, heute durch das multimediale Feuer verstärkten Kampagne festhalten. Unter den vielen Problemen, mit denen die kommunistische Bewegung zu kämpfen hat, ist das des Selbsthasses gewiss nicht das geringste…

Unglücklicherweise fasst der Selbsthass auch in den Reihen jener Fuß, die sich zwar weiterhin Kommunisten nennen, aber entschieden jeglichen Gedanken zurückweisen, sie könnten irgend etwas zu tun haben mit einer Vergangenheit, die für sie, wie für ihre politischen Gegner, geradezu ein Synonym für Verkommenheit darstellt. Der aufgeblasene Narzissmus der Sieger, die ihre eigene Geschichte verklären, findet so sein Gegenstück in der Selbstgeißelung der Besiegten.

Es versteht sich von selbst, dass der Kampf gegen die Plage des Selbsthasses desto wirksamer sein wird, je radikaler und vorurteilsfreier die kritische Bilanz der großen und faszinierenden Epoche ausfällt, die mit der Oktoberrevolution eingeleitet wurde. Doch ungeachtet ihrer Assonanz sind Selbstkritik und Selbsthass gegensätzliche Haltungen. Die Selbstkritik drückt, bei aller Schärfe und sogar Radikalität, das Bewusstsein der Notwendigkeit aus, sich der eigenen Geschichte zu stellen; der Selbsthass aber ist die feige Flucht vor dieser Geschichte und vor der Realität des ideologischen und kulturellen Kampfes, der in dieser Geschichte aufscheint. Wenn Selbstkritik die Voraussetzung dafür ist, kommunistische Identität wiederzugewinnen, dann ist Selbsthass das Synonym für Kapitulation und Verleugnung einer autonomen Identität.

2009, 194 Seiten

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