Marxistische Blätter 1_2018: Irrationalismus

Editorial
Irrationalismus ist nicht bloßer Irrtum. Er ist Leugnung der Erkennbarkeit der Welt, aktiver Angriff auf Aufklärung und Humanismus, Zerstörung der Vernunft. Zugleich ist er notwendige ideologische Konsequenz sozialer Verhältnisse, die der Masse der Menschheit keine Perspektive jenseits von Ausbeutung, Verelendung und Kriegsgefahr zu bieten haben. Als Geist geistloser Zustände ist er Grundzug aller Formen spätbürgerlicher Ideologie. Die Autoren unseres Schwerpunkts nähern sich diesem ungeheuer vielschichtigen Themenkomplex aus unterschiedlichen Perspektiven.
Bezugnehmend auf Georg Lukács bemüht sich Claudius Vellay um Klärung erkenntnistheorietischer und ontologischer Grundlagen, grenzt Irrationalismus ab von Unvernunft und Vernunftlosigkeit. In diesem Zusammenhang berücksichtigt er entscheidende Entwicklungen in Lukács Werken.
Werner Seppmanns Beitrag thematisiert soziologische und sozialpsychologische Ursachen erfolgreicher Verbreitung rechtsextremen Gedankengutes. Er untersucht die Frage, wieso auch und gerade in proletarischen Bevölkerungsschichten, die von Gruppierungen wie der AfD nichts als weitere soziale Deklassierung zu erwarten haben, antihumanistische Weltdeutungsangebote auf fruchtbaren Boden fallen.
Daniel Bratanovic watet durch jenes uferlose Sumpfgebiet, in dem Geistheiler, Chemtrail-Analysten, Lichtgurus und Illuminatenjäger ihr Unwesen treiben. Er findet dort nicht bloß verwirrte Individuen, sondern ein ideologisches Korrelat der objektiven Verfallserscheinungen der »neoliberalen« Epoche – mit Risiken und Nebenwirkungen auch für progressive Bewegungen.
Religiöse Vorstellungen prägen das Denken von Milliarden, behaupten in vielen Weltgegenden unangefochten ihre ideologische Hegemonie, auch durch die Verzahnung religiöser und staatlicher Apparate. Ferne Vergangenheit für Deutschland? Holger Wendt meldet hier Zweifel an, thematisiert das gedeihliche Verhältnis von Großkirchen, Staat und »Neoliberalismus«.
Die akademische Volkswirtschaftslehre ist eine Religion eigener Art. Klaus Wagener widmet seinen Aufsatz einer Wissenschaft, die sich selbst als wertfrei anpreist, aber keinen höheren Wert kennt als die Maximierung des Profits. Wagner skizziert den Verfallsprozess der bürgerlichen Ökonomie von den Höhen ihrer klassischen Periode bis hinab ins Jammertal einer Pseudowissenschaft, die jedwedes Erkenntnisinteresse zugunsten bedingungs- und begriffsloser Apologetik aufgegeben hat.
Die »Nationalsozialistische Weltanschauung« trieb das jeder antiaufklärerischen Bestrebung innewohnende mörderische Potenzial auf die Spitze. Am Beispiel faschistischer Deutungen der Oktoberrevolution untersucht Valentin Hemberger die Konstruktion politischer Mythen. Ideologeme wie die »jüdische Weltverschwörung« oder die »Bedrohung Europas durch die asiatische Despotie« erwiesen ihre Funktionalität für gegenrevolutionäre und imperialistische Politik; ihre Wirksamkeit überdauerte das Jahr 1945.
Als grundlegendes Merkmal der imperialistischen Epoche durchzieht die Feindschaft gegen die Vernunft alle Bereiche intellektueller Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, selbst in derjenigen Kunstform, die »am entferntesten (…) von der Welt der praktischen Dinge« ist. Ausgehend von den theoretischen Ansätzen Hans Eislers diskutiert Georg Klemp die Frage nach der »Dummheit in der Musik«.(Holger Wendt)

Neue Impulse Verlag
ISBN/EAN: 9783961700097
9,50 €