Marxistische Blätter 5_2017: Das Kapital – Nicht nur für Einsteiger

Mit Beiträgen von Georg Fülberth • Eike Kopf • Thomas Kuczynski• Karl Reitter (Österreich) • Alexander B. Voegele • Holger Wendt
 

Weitere Themen u. a.: Trump, Deutschland und die EU; Diesel-Fahrverbot; KP-Unterstützung für Corbyn; Kommunistischer Parteitag in Südafrika; Frankreich nach der Wahl; ­Digitalisierung im Gesundheitswesen; Clara Zetkin – Kommunistin und Frauenrechtlerin; Geschichtspolitik der Partei DIE LINKE; Albano Nunes (Portugal), Demokratie und Sozialismus; Oktoberrevolution in der Diskussion

 

Editorial

Warum wir uns mit Marx‘ Kapitalismus-Analyse befassen, hat weniger mit dem Datum der Erstveröffentlichung seines Bestsellers »Das Kapital« vor 150 Jahren zu tun, als mit dem, was Alexander B. Voegele in seinem einleitenden Beitrag schreibt. Die Kritik des Kapitalismus hat drastisch zugenommen, en gros und en detail. Politiker aller Couleur entrüsten sich, finden dieses und jenes unanständig, gierig, unfair, ungerecht, unmoralisch … Selbst Politiker am äußersten rechten Rand inszenieren sich als »Systemkritiker«. Aufschluss darüber, was Kapitalismus ist, wie er funktioniert und unser Zusammenleben durchdringt, erhält man dabei nicht. Hier setzt unser Schwerpunktthema an, nicht nur für Einsteiger.
Mit seinem Beitrag »Politische Ökonomie vor Marx« illustriert Holger Wendt, dass »Das Kapital« nicht als etwas völlig Neues aus dem theoretischen Nichts heraus entstanden ist, sondern wie der Untertitel sagt – als »Kritik der politischen Ökonomie«, konkret der ökonomischen Vorstellungen von William Petty, Francois Quesnay, Adam Smith und David Ricardo – die Marx aufgegriffen, kritisiert, verworfen oder weiterentwickelt hat. »Jede wissenschaftliche Theorie, die diesen Namen verdient, ist Auseinandersetzung mit anderen, vorhergehenden Theorien…Dies gilt selbstredend auch für die Marxsche Theorie; die Beschäftigung mit Marx’ Vorläufern ist ein wichtiger Baustein für ein korrektes Verständnis des Marx’schen Schaffens«, so Holger Wendt.
Eike Kopf stellt in seinem Beitrag Marx‘ »Kapital« als im Wortsinne konstruktive Kritik heraus und das Werk in den biographischen Kontext bzw. die publizistischen Vorarbeiten und ordnet es in das Gesamtwerk von Marx und Engels ein.
»Marx hat sein Hauptwerk, Das Kapital, nicht vollendet; selbst der erste Band des Werks liegt nicht in einer Fassung vor, von der gesagt werden kann, sie sei eine Ausgabe, die dem letzten Willen des Verfassers entsprochen hätte«, unterstreicht Thomas Kuczynski. Am Beispiel später Briefe und verschiedener Vorworte zum »Kapital« untermauert der Autor, wie sehr Marx sein Hauptwerk als »Work in progress« verstanden hat.
Eine geschichtliche Skizze der »Kapital«-Rezeption seit 1867 wagt Georg Fülberth. »Wer behauptet, ›Das Kapital‹ von Karl Marx habe die Welt verändert, argumentiert idealistisch«, schreibt er, denn das Werk wirke nicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse als Gesamtheit, sondern zunächst nur auf seine Leserinnen und Leser. Ob diese daraufhin die Welt verändern, müsse man sehen.
Dass die Kapital-Rezeption der sogenannten »Neuen Marx-Lektüre« für die Weltveränderung wenig hilfreich ist, begründet der marxistische Philosoph Karl Reitter und kritisiert deren Schweigen zum eigentlichen Anliegen von Marx. »Andererseits, wenn wir nicht in der Gesellschaft, wie sie ist, die materiellen Produktionsbedingungen und entsprechende Verkehrsverhältnisse für eine klassenlose Gesellschaft verhüllt vorfänden, wären alle Sprengversuche Donquichoterie.« Aussagen der Neuen Marx-Lektüre zu dieser Thematik könnten nicht kritisiert werden – sie existierten einfach nicht.

Neue Impulse Verlag
ISBN/EAN: 9783961700059
9,50 €